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Hauptmann: Die Weber

04 Okt

Die Weber„Die Weber“, ein schreckliches Buch, das mir zu denken gegeben hat. Schrecklich direkt in mehrfacher Hinsicht: Zum einen ist es furchtbar ein Buch nicht in Hochdeutsch sondern in Dialekt lesen zu müssen, besonders für mich, die ich höchstens moselfränkischen Dialekt benutze. Zum zweiten weiß ich nicht, wem ich in der Geschichte Recht geben soll, denn auch wenn sich die Fabrikanten an der Armut der Weber Wohlstand beschafften, bezahlten Weber wie die Zwanziger, oder Dreißiger, wie sie im Roman genannt wurden, noch echte Weber, anstatt wie viele anderen Fabrikanten mechanische Webstühle zu benutzen. Ehrlich gesagt habe ich mir die Situation der Weber immer schlimmer vorgstellt von all den Gedichten und Texten her, die wir im bisherigen Unterricht gelesen und besprochen haben. So hat Hauptmann die Geschichte entweder falsch umgesetzt oder hat den Weberaufstand verharmlosen wollen. Zum dritten hat Hauptmann den Aufstand also schlecht in Szene gesetzt. Besonders von der letzten Szene, also eigentlich dem letzten Akt konnte ich nichts abgewinnen, denn hat der alte Hilse nicht Recht, wenn er sagt „Und ich laß mich vierteeln – ich hab ’ne Gewißheet. Es ist uns verheißen. Gericht wird gehalten ; aber nich mir sein Richter, sondern: mein is die Rache, spricht der Herr, unser Gott.“ Natürlich haben die Weber das Recht, sich auch endlich mal zu wehren, doch haben sie letztendlich doch nur den Verstand verloren und zerstören alles, was ihnen in die Hände kommt. Das kann es ja auch nicht sein. Außerdem verstehe ich nicht, was die Weber machen wollen, wenn alle Fabrikanten, die ihnen ihre Parchente aufkaufen, fort sind. Als ob sie dann besser leben könnten! Oder hat sich dann doch die Regierung ihrer erbarmt und den Erzählungen von Armut und Elend endlich Glauben geschenkt? Das hätte Hauptmann dann aber vergessen. Das Ende des Dramas ist, wie man zu sagen pflegt, ein offenes Ende: Mutter Hilse, eine blinde, fast taube alte Frau sagt zu ihrem soeben von Kugeln getöteten Mann: „Nu mach ock, Mann, und sprich a Wort, ’s kann een’n ja orntlich angst werd’n.“ Ende. Dabei ist Hilse ein wahrer Held, der seinen Prinzipien bis in den Tod treu bleibt: Auch wenn draußen geschossen wird, auch wenn alle sagen, er dürfe seine Arbeit jetzt niederlegen, auch wenn gerufen wird, man solle vom Fenster weggehen, bleibt der alte Hilse am Webstuhl vor dem Fesnter sitzen, bis ihn eine Kugel trifft. Und dafür wird er von anderen Leuten auch noch verspottet. Die reinste Propaganda: Jeder, der nicht bei dem Aufstand mitwirkt, wird entweder beleidigt oder ebenfalls umgerannt.

„Kleener Mann, blei ock d’rheem,
he, juchee!
Mach Schissel und Teller reen.
Hei didel didel, dim dim dim.“

Mir hat der Roman nichts gebracht, außer dass ich bemerkt habe, dass ich das Elend der Weber möglicherweise überschätzt habe und dass ich dem schlesischen Dialekt etwas näher gekommen bin – auch wenn ich ihm absolut nichts abgewinnen kann.

Zu guter Letzt folgt hier noch das Weberlied „Das Blutgericht“, das mein Mitleid für die armen Webersleute geschürt hat:

Das Blutgericht

Hier im Ort ist das Gericht,
Viel schlimmer als die Femen,
Wo man nicht mehr ein Urteil spricht,
Das Leben schnell zu nehmen.
Hier wird der Mensch langsam gequält,
Hier ist die Folterkammer,
Hier werden Seufzer viel gezählt
Als Zeugen vom dem Jammer.
Die Herren Zwanziger die Henker sind,
Die Dierig, ihre Schergen,
Davon ein jeder tapfer schind’t,
Anstatt was zu verbergen.
Ihr Schurken all, ihr Satansbrut!
Ihr höllischen Kujone!
Ihr freßt der Armen Hab und Gut,
Und Fluch wird euch zum Lohne!
Ihr seid die Quelle aller Not,
Die hier den Armen drücket,
Ihr seid’s, die ihr das trockne Brot
Noch von dem Munde rücket.
Was kümmert’s euch, ob arme Leut
Kartoffeln kauen müssen,
Wenn ihr nur könnt zu jeder Zeit
Den besten Braten essen?
Kommt nun ein armer Webersmann,
Die Arbeit zu besehen,
Find’t sich der kleinste Fehler dran,
Wird’s ihm gar schlecht ergehen.
Erhält er dann den kargen Lohn,
Wird ihm noch abgezogen,
Zeigt ihm die Tür mit Spott, und Hohn
Kommt ihm noch nachgeflogen.
Hier hilft kein Bitten, hilft kein Flehen,
Umsonst sind alle Klagen;
Gefällt’s euch nicht, so könnt ihr gehn,
Am Hungertuche nagen.
Nun denke man sich diese Not
Und Elend dieser Armen;
Zu Hause keinen Bissen Brot
Ist das nicht zum Erbarmen?
Erbarmen? Ha! ein schön Gefühl,
Euch Kannibalen! fremde;
Ein jeder kennt schon euer Ziel:
Es ist der Armen Haut und Hemde.
O! Euer Geld und euer Gut,
Das wird dereinst zergehen
Wie Butter an der Sonne Glut,
Wie wird’s um euch dann stehen?
Wenn ihr dereinst nach dieser Zeit,
Nach diesem Freudenleben,
Dort, dort in jener Ewigkeit
Sollt Rechenschaft abgeben?
Doch ha! sie glauben an keinen Gott,
Noch weder an Höll und Himmel,
Religion ist nur ihr Spott,
Hält sich ans Weltgetümmel.
Ihr fangt stehts an zu jeder Zeit,
Den Lohn herabzubringen,
Und andre Schurken sind bereit,
Eurem Beispiel nachzuringen.
Der Reihe nach folgt Fellmann nach,
Ganz frech ohn‘ alle Bande,
Bei ihm ist auch herabgesetzt
Der Lohn, zur wahren Schande.
Die Gebrüder Hofrichter sind,
Was soll ich ihnen sagen?
Nach Willkür wird auch hier geschind’t,
Dem Reichtum nachzujagen.
Und hat auch einer noch den Mut,
Die Wahrheit nachzusagen,
Dann kommt’s so weit, es kostet Blut,
Und dann will man verklagen.
Herr Cammlott, Langer genannt,
Der wird dabei nicht fehlen,
Einem jeden ist es wohl bekannt,
Viel Lohn mag er nicht geben.
Wenn euch, wie für ein Lumpengeld,
Die Ware hingeschmissen,
Was euch dann zum Gewinne fehlt,
Wird Armen abgerissen.
Sind ja noch welche, die der Schmerz
Der armen Leut bewegt,
In deren Busen noch ein Herz
Voll Mitgefühle schlägt.
Die müssen, von der Zeit gedrängt,
Auch in das Gleis einlenken,
Der andern Beispiel eingedenk
Sich in dem Lohn einschränken.
Ich sage, wem ist’s wohl bekannt,
Wer sah vor zwanzig Jahren
Den übermüt’gen Fabrikant
In Staatskarossen fahren?
Sah man dort wohl zu jeder Zeit
Paläste hoch erbauen?
Mit Türen, Fenstern, prächtig weit,
Ist’s festlich anzuschauen!
Wer traf wohl dort Hauslehrer an
Bei einem Fabrikanten?
In Livreen Kutscher angetan,
Staats-Domestiken, Gouvernanten!
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3 Kommentare

Verfasst von - 4. Oktober 2006 in Bücher

 

3 Antworten zu “Hauptmann: Die Weber

  1. Charlie

    5. Oktober 2006 at 19:55

    Mmmh, ich kenne das Buch nicht, aber ich würde es durchaus interessant finden, mir davon eine eigene Meinung zu bilden, wenn mir Bücher ausserhalb des Hochdeutschen nicht eine solche Abneigung abverlangen würden.
    Wobei es wahrscheinlich auch recht sinnvoll ist, dieses in der Schule zu lesen und der Unterrichtsreihe mit dazugehöriger Geschichte, etc beizuwohnen. Der Hintergründe wegen.
    Liebe Grüße
    Charlie

     
  2. Nero

    6. Oktober 2006 at 04:15

    Hmm, ich kenne das Buch aus leidvoller Erfahrung – ich glaube ich erwähnte schoneinmal irgendwo dass ich übliche Schullektüre für niveaulos halte oder? Wie dem auch sei, ein paar Kommentare dazu:

    1. Das Leid der Weber wird von Hauptmann nicht unbedingt SO drastisch dargestellt, da dies zu seiner Zeit noch deutlich genug in den Gedanken der Menschen war – hungern und darben war zu seiner Zeit Gang und Gebe, daher wirkten die geschilderten Umstände auf die Menschen damals wohl anders als auf uns heute.
    Er hatte es schlicht nicht nötig, dies noch weiter auszubauen – anders z.B. als die Gedichte und Klage-Verse aus dieser Zeit, die einzig für diesen Zweck konzipiert wurden.

    2. Es ist an sich keine „Propaganda“, sondern zeigt kritisch 3 Sachen auf:

    2.1. Der Mensch soll sich wohl gegen die ihn unterdrückenden Mächte wehren, denn kein Mensch ist zum Knecht geboren (laut Hauptmann – meine Tendenzen sind andere).

    2.2. Der Mensch soll sich jedoch mit Worten, Gedanken und Diplomatie, in Form einer Reform, nicht in Form einer Revolution, wehren (Vergleiche dazu z.B. Schiller im Hinblick auf die französische Revolution und deren mögliche Übertragung nach Deutschland). Gewalt kann keine Lösung für Probleme sozialer Art sein. (auch hierzu merke ich an, dass sie nur richtig eingesetzt werden müsste – aber nun gut .. )

    2.3. Der alte Hilse ist kein Held, sondern ein Verblendeter. Seinem Glauben zu vertrauen ist eine Sache, darüber die Vernunft zu verlieren eine andere. Hauptmann macht das sehr geschickt – die Leute die diesen Glauben an Gott teilen, sehen, dass der alte Hilse jetzt doch wohl im Himmel ist, was für ihn ja als aufrichtigen Gläubigen doch das Höchste aller Ideale sein sollte … ER hat sein „Ziel“ also erreicht – anders als die übrigen Weber, die sowieso alle niedergeschossen wurden, wie uns die Geschichte zeigt … Und den Leuten, die diesen Glauben nicht haben, ist es eine Mahnung, nicht naiv auf etwas zu vertrauen, sondern selbst dafür zu sorgen, dass das Leben weitergeht.
    Du musst auch bedenken, dass das im Hintergrund zu der Revolution von (ohhh… Geschi-Kenntnisse -.-“ ) 1848 (?) steht. Sprich der Staat löst sich von der Kirche, es werden Reformen in Berlin durchgesetzt und Deutschland wird (mehr oder weniger) geeint. „Die Menschen trauen sich ihren Verstand zu benutzen“ würde Kant wohl sagen. Hilse gehörte dem alten konservativen Weltbild an – er benutzt blinden Glauben, wo ein wenig Vernunft bereits Abhilfe schaffen würde … an ihm ist die Geschichte vorbeigestiefelt und hat mit einer Kugel gegrüßt, wenn man es so ausdrücken darf … oder um direkt den Nächsten zu zitieren:

    „In dunkeln Zeiten wurden die Völker am besten durch die Religion geleitet, wie in stockfinstrer Nacht ein Blinder unser bester Wegweiser ist; Er kennt dann Wege und Stege besser als ein Sehender. Es ist aber töricht, sobald es Tag ist, noch immer die alten Blinden als Wegweiser zu gebrauchen.“ (Heine)

    Hoffe ich konnte mit meinen Überlegungen ein wenig helfen,
    lG Nerothos

    PS. Ja, der Dialekt ist mies. Ziiiiiemlich mies -.-„

     
  3. Kiya

    7. Oktober 2006 at 09:47

    An für sich mag ich Kants Spruch „sapere aude“ mit der Übersetzung, die allgemein üblich ist, nicht. Dekar hat den Spruch als Titel für meinen Blog vorgeschlagen und hat gleich noch andere Übersetzungsmöglichkeitn geliefert, mit denen auch meine Meinung einhergeht.
    Für mich ist der alte Hilse der typische Gegen-den-Strom-Schwimmer. Ich habe nicht das Gefühl, dass die meisten groß darüber nachdenken, was sie da gerade tun und nur blindlings Jäger hinterherlaufen – der eigentlich nichts mit der Not der Weber zu tun hat. Er ist beim Militär und es geht ihm richtig gut! Ein typischer Mann, der nur die Aufmerksamkeit anderer liebt und Leute gerne anführt.
    Außerdem war meines Wissens der Weberaufstand von 1793 schlimmer und war es nicht sogar so, dass es den Webern, die 1844 den Aufstand tätigten noch einigermaßen gut ging, im Gegensatz zu den Baumwollwebern?

    @Charlie: Außerhalb des Unterrichtes hätte ich in das Buch reingeschaut und es wieder weggelegt. Ich mag Dialekt nicht! ;) Ich glaube außerdem, dass es „Die Weber“ nur von H. Schwab-Felisch gibt, zumindest hat jeder in meiner Klasse eine Ausgabe von ihm und darin sind noch genug weitere Texte zu der Zeit, Kritiken etc.

     

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