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Grass: Die Blechtrommel

24 Okt

Die WeberSarkastisch, makaber, pervers, grausam, furchtbar, verachtenswert – aber genial. Dem kleinen perversen Protagonisten, dem Dreikäsehoch, kann ich persönlich nichts abgewinnen. Oskar tut mir manchmal Leid, besonders in seiner tatsächlichen Kindheit, wie er von den anderen Kindern des Hauses mit der Suppe gefüttert wird oder später, als sein Vater ihm dem NS-Regimant überliefern will. Seine Genügsamkeit – denn Oskar kann wohl allein von Luft und Blechtrommeln leben – erscheint mir bewundernswert. Dann kommt aber das große aber: Das Kapitel „Brausepulver“ enthüllt Oskars eigentliches, perverses Wesen – und der Leser mag sich fragen, wieso ein Autor solche obszönen Szenen und Sätze und Gedanken einbauen muss, damit sein Buch ein Erfolg wird. Zumal mit Nobelpreis wohlgemerkt!
Was für ein Leben hatte Oskar schon? Ich kann ihn verstehen, dass er aus der Pflege- und Heilanstalt nicht mehr hinausmöchte. Die Liebe blieb ihm meist doch verborgen und hat er endlich die Somnambule gefunden (bei der ich nie verstanden habe, warum sie als Schlafwandlerin bezeichnet wird?), die seine Liebe erwiedert, kommt diese tragischerweise (hier befindet sich dann doch eine kleine Schwäche in der Erzählhandlung) beim Holen eines Kaffees ums Leben. Als professioneller Trommler verdient Oskar zwar viel Geld, doch einen richtigen Beruf hat er nie erlernt. Für den Beruf des Steinmetz hat er nicht die nötige Kraft, lässt sich also die meiste Zeit als Porträt der Kunstakademie (hauptsächlich für Aktphotos) bezahlen. Was hatte Oskar schon für sein Leben?

Über den Inalt möchte ich nicht viele Worte verlieren, möchte vielmehr Grass Stil bewundern und bekriteln: Grass zeigt in seinem Buch „Die Blechtrommel“ ein echtes Talent darin allgemeine Situationen makaber, drastsich und so voller Metaphern darzustellen, dass man fast ins Staunen kommt. (Auch wenn es manche Passagen gibt, bei denen man ein kreatives Loch oder Betrunkenheit des Autors vermuten kann, in denen Wort an Wort gereiht zu sein scheint ohne jeglichen Sinnzusammenhang.)

Ich empfehle das Buch nur bedingt weiter. Wen Sprache und die mögliche Gestaltung derer interessiert, mag sich das Buch anschauen, es an- oder sogar durchlesen. Zu beachten dabei ist, dass man sich in der Zeit des Dritten Reiches auskennen muss, um die oft makaberen Metaphern Ausdrücke zu verstehen:

„Er rieb uns ein, bespritzte und puderte uns. Und während er spritzte, puderte und einrieb, blühte mein Fieber, floß seine Rede, erfuhr ich von Güterwagen voller Karbol, Chlor und Lysol, die er gespritzt hatte, gestreut und gesprenkelt hatte, als er noch Desinfektor im Lager Treblinka gewesen war und jeden Mittag um zwei die Lagerstraßen, Baracken, die Duschräume, Verbrennungsöfen, die gebündelten Kleider, die Wartenden, die noch nicht geduscht hatten, die Liegenden, die schon geduscht hatten, alles was aus den Öfen herauskam, alles was in die Öfen hineinwollte, als Desinfektor Mariusz Fajngold tagtäglich mit Lysolwasser besprenkelt hatte.“

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Ein Kommentar

Verfasst von - 24. Oktober 2006 in Bücher

 

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Eine Antwort zu “Grass: Die Blechtrommel

  1. MaLo

    25. Oktober 2006 at 22:24

    Hehe ;)

    Wir haben uns in Deutsch den Anfang des Filmes angeschaut, da wir zeitgleich „Katz und Maus“ (auch von Grass) lesen ;)

    Ka, nich so ganz mein Geschmack ;)

    MfG
    Matthias

     

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