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Schmitt: Hôtel des deux mondes

31 Okt

Hôtel des deux mondes

In Eric-Emmanuel Schmitts Büchern geht es mehr um philosophische Fragen als um eine tatsächliche Handlung. In „Hôtel des deux mondes“ wird die Frage nach Sinn des Lebens und nach dem Tod und was nach ihm kommt behandelt. In einem Hotel zwischen zwei Welten, in einem Hotel zwischen Leben und Tod, in das die Seele aller Komapatienten kommt und die darauf warten, dass die Ärzte sie entweder wieder zum Leben erwecken oder dass sie sterben, treffen sich einige Leute mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Meinungen, die über ihr bisheriges Leben sinnieren und heiß über das, was nach dem Tod kommt, diskutieren.

Meiner Meinung nach ist das Theaterstück „Hôtel des deux mondes“ sehr interessant zu lesen, auch wenn man nicht erwarten darf, dass dort der gesamte Sinn und Unsinn des Lebens abgehandelt würde. Es werden lediglich Interpretationsansätze auch zum Koma geliefert und soll zum Nachdenken anregen, hat also keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das Werk ist in sehr leichter Sprache abgefasst, ist also auch für Nichtfranzosen gut verständlich.
Kritikpunkte, dass alle Hotelgäste französisch sprechen und zwei davon sogar im selben Krankenhaus liegen oder dass der Aufzug nur auf die Gegenwart anspielen kann und das Theaterstück somit nicht zeitlos ist, sind zwar angebracht, sollten für die eigentliche Botschaft aber nicht störend sein. Für echte Philosophen, die sich mit der Frage nach dem Jenseits schon allzu oft beschäftigt haben, könnte das Buch langweilig sein und meine Französischlehrerin empfiehlt hier ein Buch mit ähnlichem Inhalt „Huis-clos“, also „Geschlossene Gesellschaft“, von Sartre, das ich selbst, zu meinem größten Bedauern, noch nicht gelesen habe.

Bei mehr Interesse über die Meinungen der einzelnen Hotelinsassen, klicke auf:

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Hier für die Interessierten die Darstellung der Meinungen der einzelnen Hotelinsassen:

Da gibt es zum einen Julien, der am Steuer eingeschlafen ist und mit über zweihundert Sachen gegen einen Baum gefahren ist. Er glaubt nicht, dass nach dem Tod irgendetwas kommt. Der Mensch geht seiner Meinung nach nach dem Leben wieder in den Zustand über, den er vor der Geburt innehatte. „Oui, un match a eu lieu, un match qui aurait dû ne pas avoir lieu et qui a eu lieu quand même, un match idiot, inutile, sans conséquence, une erreur. […] Si je n’avais pas été angoissé par l’idée du néant, je me serais peut-être plus accroché aux choses… aux gens aussi. Lorsque j’entamais un projet, je pensais tout de suite : „A quoi bon ?“ Pourquoi investir du temps, de l’énergie, pour faire de la poussière… Et lorsqu’une femme me criait : „Je t’aimerai toujours“, je songeais encore… à la poussière.“ Später ändert er seine Meinung, da er im Hotel der zwei Welten zum ersten Mal echte Liebe empfindet. Als er an der Reihe ist in den Aufzug zu steigen, der die Gäste des Hotels entweder wieder runter auf die Erde bringt oder hoch in den Tod, hat er keine Angst mehr: „C’est curieux. Même si je devais mourir maintenant, je serais… serein.“ Dem Docteur S… zufolge liegt das an der Zuversicht.

Eine weitere Person ist Marie, eine Putzfrau, die ihr ganzes Leben lang nichts anderes tat als zu putzen. Sie musste schon als Kind ihrer Mutter mit den 12 kleinen Geschwistern helfen. Um dem Arbeitsstress zu entkommen, ließ sich Marie, 18 Jahre alt, vom erst besten Typen schwängern. Allerdings war der Kerl ein Faulpelz und Marie musste wieder hart für ihn und ihre drei Töchter arbeiten. Der Mann lief ihr weg, die Töchter liefen allen möglichen Kerlen hinterher. Sie entschloss sich für die Frührente, doch an ihrem letzten Arbeitstag hatte sie -tragischer Weise- einen Herzinfarkt. Im Krankenhaus ging es ihr zum ersten Mal in ihrem Leben gut. Später hatte sie einen zweiten Anfall und fiel ins Koma. Marie schimpft nicht über ihr Leben wie andere Hotelgäste. Sie meint nur, dass wenn sie die Wahl gehabt hätte, sie Philosophie studiert hätte. Nein, Marie hat ihr Leben nicht vertan, denn sie sagt: „Marie, mes parents, ils m’ont appelée, Marie. Fichue bonne idée, ca ! J’ai torché et torchonné toute ma vie. Ils m’ont collé le nom de Marie sur le front parce qu’ils savaient que le balai, l’éponge et la serpillière, c’allait être mon rayon.“ „Un Président cause à tous les gens comme s’ils étaient de la merde, alors qu’une femme de ménage comme si c’était elle, la merde.“
Über den Tod sagt sie „Peut-être qu’il y a un jardin, là-haut, comme on nous apprenait lorsqu’on était petits, avec des felurs, des arbres… Moi, j’aimerais un jardin… et puis au moins je serais sûre qu’on me demandera pas de faire le ménage…“ So hat sie auch kaum Angst, als sie zum Aufzug gebracht wird. Sie zittert nur und sagt zum Abschied: „C’est amusant, n’est-ce pas, d’avoir le coeur si fatigué ? C’est la seule chose dont je ne me sois jamais vraiment servie.“

Dann gibt es noch den Président, einen Mann ohne Gewissen, der Präsident mehrerer Firmen ist und auch in üble Geldaffären verwickelt war. Er glaubt nicht, dass er im Koma liegt, sondern nur, dass er im Irrenhaus gelandet ist – ein Versehen natürlich. Da man im Hotel auch die Stimmen derjenigen hören kann, die gerade um das Krankenhausbett stehen, ist der Président ganz verzweifelt, da seine Taugenichtse von Söhnen alles verkaufen wollen. Kein Verwandter scheint sich um ihn persönlich zu sorgen; jeder denkt nur an das Geld. Daher ist auch der Präsident einer, der darüber nachdenkt, ob er sich in seinem Leben nicht geirrt und es vielleicht sogar veratn hat. Aber was nach dem Tod kommt ist für ihn klar: „Eh bien quoi, vous n’avez pas recu d’éducation religieuse? […] Vous monterez au ciel et, là, vous serez jugé en fonction de vos mérites respectifs.“ Eigentlich denkt man gerade von solchen Leuten, die sich unrechtmäßig an anderen bereichert haben, sie hätten Angst vor einem solchen Gericht, doch merkwürdigerweise ist das Gewissen des Präsidenten rein. Denn illegale Geldgeschäfte müssten erst einmal bewiesen werden. Geldgeschäfte, die eigentlich nur ein unwichtiger Fehler waren. Gott wird ihm schon verzeihen.
Freunde macht er sich auch im Hotel nicht, da er als Präsident immer eine Extrawurst haben möchte, die er nicht bekommt. Die anderen predigen ihm ständig die Gleichberechtigung, die er nicht akzeptieren will. Und so ist es kein Wunder, dass alle Hotelgäste empört sind, als der Präsident eine zweite Chance auf der Erde bekommt (wo er als erstes das Testament ändern und seine Söhne und seine Frau enterben lassen will). Doch der Doktor S… gibt zu bedenken, dass der Präsident nur von einem Fahrrad angefahren wurde, von dem er in seiner Arroganz dachte, es würde ihn auf keinen Fall umfahren. „La mort n’est ni un châtiment ni une récompense. Chacun de vous voit dans sa mort une affaire personnelle. C’est ridicule. Nul n’y échappe. Pour parler votre language, je dirais que je n’ai jamais rencontré quelqu’un qui méritait de mourir.[…] La vie est un cadeau qui est fait à tout le monde. Et la mort est également donnée à tout le monde.“
Interessant finde ich noch die Erwähnung des „Panther’s Club“ und „Otary’s Club“, Namen von zwei gegnerischen Clubs, die mich doch vom Namen her zu stark an den Rotary- und den Lionsclub erinnern. Kein Wunder, dass der Docteur S… den Präsidenten seltsam angeguckt hat, als dieser den „Panther’s Club“ erwähnt. Laut Président wollen natürlich alle , der Docteur S… mit eingeschlossen, in den „Panther’s Club“.

Der Docteur S… im Übrigen, ist der/diejenige, der/die sich um die Patienten kümmert, ist also kein Komapatient. Das Geschlecht ist nicht genau klar. Julien redet mit einer Frau, der Präsident hat den Docteur S.. immer als einen männlichen Doktor angesehen. Da aber zweifelsohne eine Frau diese Rolle spielen muss, werde ich für sie das weibliche Geschlecht nehmen. Der Docteur S… geht immer wieder auf die Patienten zu, um ihnen ihren körperlichen Zustand zu beschreiben. Von sich aus kann man den Docteur nicht fragen. Sie will als allmächtig erscheinen und die Hotelgäste fragen sie auch, was nach dem Tod kommt – immerhin weiß sie alles über das Leben. In Wahrheit weiß sie aber nichts – oder gibt das zumindest vor. Dabei sagt sie etwas Wichtiges über den Menschen aus: „JULIEN Qu’y a-t-il dans vos dossiers? […] LE DOCTEUR S… Juste quelques éléments. Votre nature. Votre santé. Votre histoire. Mais pas vos choix. […] Vous arrivez au monde chargés de données, alourdis d’une hérédité, d’une famille, d’un milieu, attachés à un village, un pays, une langue, une époque, tout vous distingue, tout vous sépare, tout vous différencie, mais une seule chose, une seule, vous rend identiques : vous êtes libres. […] Libres d’abîmer votre corps, libres de vous ouvrir les veines, libres de ne pas guérir d’un chagrin d’amour, libres de vous laisser pourrir dans votre passée, libres de devenir héroiques, libres de prendre de mauvaises décisions, libres de rater votre vie ou de hâter votre mort. Croyez-moi, il n’y a pas de Grand Livre du Destin, seulement quelques indications sur une fiche. Des données. Ce qu’on ne peut pas calculer, c’est votre liberté.“
{Ja, hätten wir den freien Willen nicht, wären wir alle Marionetten Gottes. Das heißt, dass ich mir gut vorstellen kann, dass Gott mit jedem einzelnen etwas Großes vorhat, doch wenn man nicht auf Gott hört, nicht auf das, was man wirklich will, vertut man sein Leben leicht.}
Der Docteur S… sieht die Leute immer kommen und gehen und in ihrer Emotion zeigt sich vielleicht ihre Weiblichkeit: Sie hängt ihr Herz so sehr an manche Leute, dass sie gegen die Regeln verstößt. „Rein zufällig“ ist aus der Westentasche des Mage Radjapour ein Zettel gefallen, auf dem die Telefonnummer seines Neffen steht, der darüber entscheiden wird, ob sein Onkel weiter künstlich am Leben erhalten werden oder ob die Geräte abgeschaltet werden sollen. Der Neffe wird sich für die Euthanasie entscheiden und das Herz des Mage kann der kranken Laura gegeben werden, die im selben Krankenhaus liegt. Das alles wie gesagt „rein zufällig“. Dem Docteur S… ist es aber peinlich gegen die Regeln verstoßen zu haben, vor allem gegenüber ihren beiden in weiß gekleideten Gehilfen, die niemals den Mund bewegen, aber dennoch jeder zu verstehen scheint – mit Ausnahme des Lesers/Zuschauers.

Laura symbolisiert die pure Lebensfreude. Sie ist richtig glücklich, als sie, später als die anderen, ins Hôtel der zwei Welten kommt. Da sie ihr ganzes Leben lang krank war, genießt sie es, frei von ihren Schmerzen und ihrer Schwäche zu sein. Ihr größter Wunsch ist es, sich zu verlieben und dass sich jemand anderes in sie verliebt. Dies wird auch – leider – in Erfüllung gehen. Für mich ist die Liebe aber nichts Besonderes, eine typische Begegnung zweier Menschen, die sich bei der ersten Schwierigkeit wieder trennen würden. Auch wenn Julien hier das erste Mal das Gefühl hat, wirklich zu lieben, bleibt es bei der Tatsache, dass er Laura nur aus Verzweiflung und Angst seine „Liebe“ gestanden hat: „Vous êtes belle ! […] je le pense depuis que je vous ai vue mais je ne m’étais pas donné la peine de vous le dire. […] Lorsque les portes de l’ascenseur vous ont laissée apparaître, je vous ai trouvée étonnante, étrange, magnifique, comme une perle d’huîtres sauvage. J’ai pensé: Je ne suis pas beau mais quelle importance puisqu’ell est belle pour deux? […] Puis le Docteur S… vous a appelée Laura, deux syllabes simples comme bonjour, „bonjour Laura“, deux notes qui demandent à la bouche de prendre la forme d’un baiser. J’ai pensé: Je ne suis que Julien mais quelle importance puisqu’elle est musicale pour deux? […] Ensuite, je vous ai écoutée tenir tête au Docteur S…, on aurait dit une figure de proue qui, souriante, affrontait les embruns, l’écume et la tempête. J’ai pensé: Je ne suis pas courageux mais quelle importance puisqu’elle est brave pour deux?“ Und so weiter und so weiter. Gut auswendig gelernte Sätze, die Julien wohl jeder Frau in seinem bisherigen Leben in ein wenig abgewandelter Form dargebracht hat. Aber immerhin hat Laura damit ihren Wunsch, geliebt zu werden, zumindest in einer Welt zwischen zwei Welten erfüllt. Ob die Liebe Bestand hat, weiß man nicht, doch ich persönlich würde nicht darauf wetten.
Ihre Ansichten darüber, was nach dem Tod kommt, erfährt man nicht, ebensowenig diejenigen des Mage Radjapour.

Der Mage Radjapour hatte eine Tochter, die gestorben ist, als er sich nicht um sie kümmern konnte. Als Folge hat er seinen Beruf aufgegeben und versucht nun als Mage Radjapour Kontakt zu den Toten aufzunehmen, wobei man nicht erfährt, ob ihm das gelungen ist.

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Verfasst von - 31. Oktober 2006 in Bücher

 

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