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Brecht: Der gute Mensch von Sezuan

06 Nov

Der gute Mensch von SezuanDie Misanthropie holt mich ein. Nicht nur, dass ich heute Morgen von einem Bericht über die globale Erderwärmung und deren fatale Folgen geweckt wurde, nein, ich habe auch ein Buch gelesen, das die charakteristsiche Verkommenheit der Menschen aufzeigt: „Der gute Mensch von Sezuan“ von Bertolt Brecht. Der einizge gute Mensch, den drei Götter auf der ganzen Erde gefunden haben, ist Shen-Te. Jeder andere denkt nur an sich und ist aufs Betrügen aus. Niemand möchte den drei Göttern eine Unterkunft gewähren – wahrscheinlich aus Scham. Dennoch sollte niemand wie Sehe-Te sein, da sie selbst – auf sich allein gestellt – von allen ausgenutzt wird und so nicht bestehen könnte. Selbst der Mann, in den sie sich verliebt, nutzt sie nur aus: Er will von ihr das Geld für einen erkauften Arbeitsplatz, ist sogar dafür bereit Shen Te zu heiraten, beabsichtigt aber ohne Shen Te nach Peking zu gehen. Sie müsste ohne Mann, ohne Laden, ohne Geld in Sezuan bleiben. Wer hilft einem solch guten Menschen vor der Ausbeutung? Natürlich der Vetter. Mir war gleich klar, dass es keinen Vetter gibt – das wäre mal wirklich unrealistisch und unglaubwürdig gewesen. Dass ich aber wusste, dass Shen Te in den Männerkleidern steckt, liegt hauptsächlich daran, dass ich schon vor dem Lesen einen Teil der Kommentare durchgeblättert habe.

Dekar schreibt, man könne sich sich nicht richtig mit den Personen identifizieren – klar, es handelt sich hier auch schließlich um episches Theater!

„Man kann sich auch nicht richtig mit den Figuren identifizieren, zumindest konnte ich das nicht, da weder Shen Te noch Shui Ta, da sie beide Extreme darstellen, sich dazu eigneten. Die restlichen Personen enthielten alle Eigenschaften, die alle Menschen besitzen, so wie z.B. die Undankbarkeit, in mehr oder weniger großem Maße. Aber wer identifiziert sich gerne mit einen schlechten Eigenschaften… man fühlt sich teilweise eher ermahnt als dass man wirklich mit den Personen mitfühlen könnte.“

Je mehr ich aber über Shen Te nachdenke, desto größer wird mein Mitleid mit ihr, aber auch mir selbst wird es elend ums Gemüt.
Wie sehr habe ich mich früher ausnutzen lassen? Warum habe ich jedem die Hausaufgaben gegeben, ohne es zu wollen, ohne je Dank dafür zu bekommen? Weil man gefragt hat. Und nein sagen, das konnte ich nicht. Aber wie Shui Ta handeln konnte ich erst, als ich mich örtlich von den Kollegen distanziert hatte. Denn selbst dann forderte man von mir und wie Shui Ta griff ich hart durch: Nein! Aber was bekam ich natürlich zu hören? Früher wäre ich anders gewesen. Ich würde das ja nur machen, um selbst von dieser Situation profitieren zu können, um die anderen versagen zu sehen, während ich selbst nicht versage. Unsinn. Was soll mich denn nach dem Schulwechsel noch dazu bewegen mich zu profilieren? Aber es ist ungefähr dieselbe Situation wie bei Shen Te…

Brechts Stil ist nicht wirklich übermäßig hoch anzusiedeln, aber genau darin liegt ja seine Kunst: Er drückt die Botschaft mit einfacher Sprache für alle verständlich aus.

Allein der Botschaft der Misanthropie wegen, empfehle ich das Buch weiter. Man lese das Buch und verzweifle!

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Verfasst von - 6. November 2006 in Bücher

 

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