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Schwerverbrechen Bildung

14 Nov

In der Bibliothek meiner Schule liegen einige Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren aus, vom Spiegel über den Stern bis zum Abimagazin. Das erstaunliche: Man darf sie lesen! Ja, es gibt sogar viele Schüler in der Bibliothek, die sich eine solche Zeitung schnappen und sie durchblättern oder noch schlimmer: Sie lesen manche Artikel sogar! An meiner alten Schule ein Ding der Unmöglichkeit. Sich allein für die Schule zu interessieren scheint selbst für manche Lehrer ein Schwerverbrechen gewesen zu sein und sich über die Schule hinaus für Bildung zu interessieren, wurde mit Hochverrat geahndet. Natürlich ist es fraglich, ob solch hochwertige Lektüre dort verstanden worden wäre, denn alles, was man sich an außerschulischen Texten aneignete, ist die Bildzeitung, bei deren Lektüre man noch nicht einmal des Lesens mächtig sein muss.
Scheinbar geht die Individualität mit der Bildung dabei Hand in Hand. Was könnte ich denn vom Wesen des einzelnen der alten Schule sagen? Der und die sind mittlerweile die Stufenbesten, der ist der Dummschwätzer. Der Rest gleicht einem großen Haufen, aus dem niemand hervorstehen will. Das ist dort die große Individualität. Über einen Großteil der neuen Kollegen hingegen, könnte ich ganze Seiten füllen. Fast jeder Geist hat dort etwas Persönliches und Einzigartiges. Es gibt hier eine breit gefächerte Individualität und jeder hat seine Stärken, ist ein Unikat mit einer eigenen Meinung und einem eigenen Verhalten. Mir scheint es nicht so, als wolle sich jemand in einen Rahmen pressen, den die Allgeminheit erwartet – denn diese Allgemeinheit gibt es nicht. Es ist nicht wichtig, den äußeren Schein zu wahren, als sei jeder mit jedem gut befreundet. Bei so vielen Persönlichkeiten wäre dies auch ein Ding der Unmöglichkeit. So wird natürlich auch an der neuen Schule gelästert – was hätte der Mensch, die Bestie, die sich den restlichen Tieren überlegen fühlt, denn sonst noch Amüsantes? – aber im Unterschied zu sonst, wird daraus oft kein Hehl gemacht. Das Heuchlerische, das mir sonst doch den Menschen so eigen schien, tritt nur selten auf. Während ich es erlebt habe, wie eine Person (und das Wort Person – Maske – ist hier angebracht) neben mir sitzt, mit mir ernst gemeint freundlich redet, als sei ich der beste Mensch der Welt, und hernach sich sofort umdreht und über mich spricht, als sei ich nicht anwesend, geht man sich in dieser neuen Welt lieber gleich aus dem Weg. Ich weiß die Offenheit vieler zu schätzen, auch wenn sie Unangenehmes sagen, auch wenn ich selbst nicht so offen sein kann. Aber ich bessere mich ein wenig zu meiner größten Besorgnis. Natürlich ändere ich mich auch in anderer in meinen Augen positiver Hinsicht. Ich lerne, dass man nicht anstößt, wenn man sich für etwas interessiert. Dass Interesse sogar erwünscht ist und dass ich ein Heft des Abimagazins, von denen an der alten Schule immer Stapel von mehreren Monaten ausliegen, mitnehmen darf, selbst wenn nur noch zwei oder drei vorhanden sind. Bildung ist erwünscht und ich freue mich. Des weiteren lerne ich und kläre lieber gleich auf, wer ich bin und was ich mag, anstatt mich dafür zu schämen. Ich werde zwar bei den ein oder anderen meiner Vorlieben schräg angeguckt, aber als Teil meiner Persönlichkeit muss das einfach akzeptiert werden. Nur langsam habe ich mich aber in dieses große unbekannte Gewässer der Selbstbejahung getraut, war ich es doch gewohnt, dass sobald ich nur eine Stricknadel dabeihabe, mich die ganze Schule darauf anspricht und blöde Bemerkungen macht. Das ist auch der Grund, warum ich mich immer noch nicht traue in einigen zu langweiligen Freistunden mein Strickzeug auszupacken, selbst wenn ich eigentlich darüberstehen müsste. Aber habe ich denn tatsächlich nichts von den neuen Kollegen zu befürchten? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht, denn ich male viele Sachen schon im Vorhinein schwarz. Allein wenn ich den Verdacht habe, es könnten noch Übungsblätter für eine anstehende Klausur bei den Kollgegen im Umlauf sein, habe ich gleich das in Wahrheit unbegründete Gefühl und bin mir sogar ziemlich sicher, sie übergingen mich – wie man mich sonst eben auch immer überging. Wann werde ich endlich von all meinen Verletzungen, inneren Unsicherheiten und Zweifeln gänzlich befreit sein?

@MaLo: Fühle du dich bitte nicht angesprochen. Ich habe den Text auf den großen Haufen in der Aula bezogen, dem ich einfach nichts abgewinnen kann. Die Dreiteilung der großen Masse ist ein weiteres interessantes Phänomen, das auch teilweise in die Individualität mithineinspielt, doch wollte ich es hier aus Respekt vor manchen Gefühlen und Gedanken nicht beschreiben.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 14. November 2006 in Gedanken, Studium

 

Eine Antwort zu “Schwerverbrechen Bildung

  1. MaLo

    14. November 2006 at 20:30

    Ist ok ;) Ich glaub ich versteh was du sagen wolltest… Und ich versteh dich ^^

    lg
    Matthias

     

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