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Zerbrochen

24 Nov

Nur zögernd wurde es mir anvertraut, das kleine Herz aus Glas. Ich nahm es ganz vorsichtig in die Hände, wollte es wie meinen Augapfel hüten, das kostbare Geschenk. Doch aus Selten- wird in langer Zeit Gewohnheit und so begann ich meinen zunächst wohlbehüteten Schatz immer häufiger aus dem seidenen Tuche zu schlagen, in das ich es aus Schutz vor Stößen gewickelt, und ihn zu betrachten. Gegen die Sonne gehalten schimmerte das kleine Herz aus Glas in den verschiedensten Farben. Es glitzerte in gelb und gold und ich freute mich mit dem Glitzern. Ich lachte mit dem Orange und dachte mit dem Violett über den Sinn des Lebens nach. Dann strahlte es in einem Blau und ich weinte mit ihm. Manchmal sah das kleine Herz aus Glas stumpf aus, als hätte es jeden Glanz verloren und ich fühlte mich genauso leer. Nur das Aufglitzern nach einer solchen Zeit der Trübsal konnte mein armes Herz wieder erfreuen.
trouvaille 20050914Doch natürlich blieb mein kleines Geheimnis nicht unbemerkt und ich nicht um das kleine Herz aus Glas beneidet. In einer Unachtsamkeit kam einer daher und stahl es mir direkt aus der Hand, ohne dass ich mich dagegen hätte wehren können. Das Herz schien den neuen Besitzer gegen meinen Willen auserkoren zu haben und glitzerte nun nur für ihn in den schönsten Farben, während ich den Glanz aus der Ferne nur erträumen konnte. Bescheiden folgte ich dem Kerl, der mir mein Liebstes nahm, ohne das kleine Herz aus Glas zurückgewinnen zu können. Doch das Unmögliche, Unerhörte geschah. Das Herz funkelte dem Fremdling wohl nicht gut genug, so wurde er dessen überdrüssig und ließ es an der nächsten Straßenecke fallen. Wie erschrak ich und glaubte, mein gläsernes Herz in tausend Splittern für immer verloren zu haben. Doch, welch ein Glück! Es kam davon, lediglich mit einem kleinen Riss. Ich wusste aber, beim nächsten Aufprall würde es zerspringen. So wickelte ich es wieder fest ins Seidentuch, um es vor allem Übel zu beschützen. Doch wie ein Süchtiger musste ich das kleine Herz immer wieder betrachten. Es hatte mit der Schramme eine neue Farbe gewonnen. Blutrot funkelte es in der Sonne nun. Meine heißen Tränen mischten sich mit der Farbe und rannen als echte Blutstropfen das wertvolle, reine Material hinab. Eine schmerzvolle Farbe hatte das Herz gewonnen, wie viele andere hat es dafür lassen müssen? Das unschuldige, beglückende Grün, das lächelnde Weiß. Und immer öfter verweigerte das Herz jeglichen Glanz und lag klein und kalt in meiner frierenden Hand. Das einzige Schimmern waren Tränen, die auf den kalten Klumpen fielen und gefroren. Doch nur Kälte strahlten auch sie aus. Die Kälte des kleinen Herzens aus Glas, die selbst durch die heißen Tränen nicht ein wenig erwärmt werden konnte.
Zu traurig, um auf den Weg zu achten, den ich foranschritt – wohin ging ich nur? – blickte ich nur auf meine zitternden Hände. Das Hindernis sah ich nicht, sah den Fuß und das grinsende Gesicht dazu erst, als es zu spät war, blickte in das Gesicht voll Häme, ein Gesicht, das immer näher kam und mich berühren wollte, um mir Schmerzen zu bereiten. Ich schloss die Augen vor den seinen fordernden und rannte blindlings drauf los, weg, weiter weg und noch weiter. Dabei vergaß ich für einen Bruchteil eines Augenblickes den Schatz in meiner Hand, der bei meinem Stolpern meine größte Sorge gewesen war und das Stolpern doch unbeschadet überstand. Unbeschadet, bis auf den Riss, den es seit seiner Entführung tief ins Fleisch eingemeißelt trug. Doch hier auf meiner Flucht dachte ich an das schrecklich Gesicht, nicht an das kleine Herz aus Glas und so entglitt es mir in einer Sekunde der Unaufmkerksamkeit. Ich versuchte es zu fangen, kam aber zu spät, sah es in Zeitlupe zu Boden fallen und zerbersten. In Millionen kleine Teilchen und Scherben und Stückchen zerbrach es. Da liegt es nun auf dem schmutzigen Boden, ich stehe daneben. Nicht begreifen könnend, was geschehen. Da liegen die zerbrochenen Splitter und ich stehe ohnmächtig daneben. Nur stumme Tränen fallen auf die kleinen Stücke und als die Sonne hervorbricht, glitzert jeder Splitter in einer anderen Farbe. Und jede Farbe ruft Erinnerungen hervor, schmerzliche wie schöne.
Das kleine Herz aus Glas ist nicht zu flicken, nicht einmal mehr alle Splitter sind einzusammeln. Der Wind kam und nahm sie mir, ehe ich mich dazu entschlossen sie einzusammeln um die Erinnerungen zu behalten. Nur einer ist geblieben, der nach dem Sturz vom Boden direkt in mein Herz sprang, den der Wind mir nicht nehmen konnte. Der Splitter hat zwar eine Wunde in mein Herz gerissen, doch lasse ich ihn dort, um mich an den Farben der Erinnerung zu erfreuen und mich über den Verlust hinwegzutrösten.

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Verfasst von - 24. November 2006 in Erlebtes

 

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