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Spiegelbild

05 Dez

Ich stehe vor dem Spiegel. Eine spiegelglatte Oberfläche hängt mir gegenüber, metallen, formlos. Nur ein Gesicht sieht mich daraus an, der hintergrund, der mich umgibt auch es umgebend. Ich blicke in die Augen des Gegenüber. Traurig sehen sie aus. Was der Kerl wohl denkt? Was er wohl erlebt hat? Voll Verachtung habe ich Mitleid mit dem armen und ich möchte ihn zum Lachen bringen. Scherzkeks war ich noch nie, doch fing ich an, einige lustige Bemerkungen über mich selbst zu machen. Vom Gegenüber gibt es keine Rührung, nicht einmal ein Augezwinkern. Ich schneide Grimassen, doch auch hier keine Reaktion. Stumm und traurig starrt mich das blasse Gesicht an. Ich versuche es auf andere Weise: Ich erzähle und erzähle und rede, um das Vertrauen zu gewinnen. Tatsächlich scheint in den Augen kurz ein Zeichen des Lebens aufgeflackert zu sein. Ich freue mich, habe trotzdem gleichzeitig Angst vor den kalten Augen. Ich kann den Blick nicht deuten. Ich will eine Reaktion erzwingen, will die Augen lächelnd oder weinend machen. Andere zum Weinen bringn ist zweifellos meine größere Kunst. So schicke ich einige Worte scheinbar scherzhaft gemeinter Beleidigungen an die spiegelglatte, metallene, formlose Oberfläche mit dem Gesicht darin. Dieses regt sich nicht, blickt mich nicht einmal richtig an. Ich erhebe die Hand. Soll ich es wirklich wagen und alles geben? Langsam bewege ich die Hand auf das mir fremde Gesicht zu, mir bewusst, dass eine Berührung, das intimste, nus auf ewig verbinden könnte. Berührung bedeutet eine Reaktion: Entweder der Berührte schreckt zurück oder er lässt den Ausdruck der Zärtlichkeit zu und es entwickelt sich eine Freundschaft. Vor beidem habe ich Angst, bin aber dennoch bereit dazu, das warme unbewegliche gesicht des gegenüber zu berühren, es wenigstens zum Lächeln zu bringen. Vor der Kälte des Glases zuckt meine Hand fast zurück. So leblos, das Gesicht darin so ferne. Ich schließe die Augen, fühle in mir den Schmerz, die Augen des Bildes fest und strafend auf mich gerichtet. Die heißen Tränen auf meinen Wangen, auf meinen Schultern und Armen lassen mich die frierende Hand noch deutlicher spüren. Ich will durch das Glas hindurch zu meinem Spiegelbild um mich selbst zu trösten!
Ein Hauch an das kalte Glas und ich öffne meine Augen. Das Gesicht ist verschwunden. War es jemals da?

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Verfasst von - 5. Dezember 2006 in Gedanken

 

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