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Der Rabe und der Baum

20 Dez

Einst saß ein Rabe auf einem Baum. Der Baum war jung und grünte und blühte. Der Sommer ließ den Baum sogar große und saftige Früchte hervortreiben. Dem Raben gefiel der Baum und saß lange dort. Auch wenn er durch die Gegend flog und viele andere Bäume erblickte, blieb er in Gedanken doch nur bei dem einen und kehrte immer wieder zu ihm zurück, ja er baute dort sogar ein Nest. Dem Baum selbst schien das gut zu gefallen. Er wurde immer farbenfroher und der Rabe freute sich an der Pracht. Als der Rabe eines morgens aufwachte, fühlte er sich seltsam. Der Winter war hereingebrochen, doch er selbst wusste das noch nicht. Er merkte wie der Baum die Blätter verlor, all seine Farbe. Mit der Farbe verlor der Baum auch sein Leben. Der Rabe fror erbärmlich in dem eiskalten Wind, vor dem der Baum ihm mit seinen üppig belaubten Zweigen hätte schützen können, er wich aber in dieser Todeszeit kein Stück von seinem Freund dem Baum. Da saß er, das Gefieder in alle Richtungen stehend, hungernd nach Wärme, nach Farben, nach Leben. Er hatte sich selbst schon aufgegeben und steckte den Kopf unter das Gefieder, bereit mit dem Baum zugrundezugehen, als er plötzlich eines grünen Blattes gewahr wurde. Der Baum lebte! Sofort gewann der Rabe seine Lebensfreude zurück, breitete seit langem wieder seine Schwingen aus und flog ausgelassen vor Glück. Über das Frühjahr und den Sommer lebte der Rabe wie zuvor und hatte den Vorfall im Winter längst vergessen. Der Baum schützte ihn vor dem Wind und der Rabe, der dem Baum nichts zu geben hatte, blieb bei dem Baum und leistete ihm Gesellschaft. Der nächste Winter konnte natürlich nicht ausbleiben. Nach einer Weile der frohen Zweisamkeit, begann der Baum wieder damit, in sich zu kehren, das Leben egoistisch nur in der tiefsten Tiefe seiner Rinde zu leben, nach außen hin so kalt und tot zu erscheinen wie nie zuvor. Der Rabe klagte, blieb aber weiterhin treu bei dem Baum. Diesen Winter war der Wind noch ärger und forscher und ließ den Raben fast erfrieren, der Hunger schien ihn verrecken lassen zu wollen. Als dem Raben keine Kraft mehr blieb, vollendete der Wind sein Schicksal und blies den Vogel vom Ast. Der fiel hinab in die Tiefe ohne um sein Leben kämpfen zu können, wurde aber – Gott Lob – von zwei Kindern aufgefangen und wenn nicht gefangen, so doch wenigstens gefunden. Die merkten das noch schwache Leben in ihm und nahmen ihn mit zu sich. Sie meinten es gut mit dem Raben und gaben ihm ein neues Heim, nährten und wärmten ihn. In einer gemütlichen Atmosphäre wurde der Rabe wieder aufgepäppelt und nach über einem Jahr war er wieder so zu Kräften gekommen und seine Sehnsucht nach dem Baum so groß geworden, dass die Kinfoto01174 kder ihn schweren Herzens in die Freiheit entließen. Den Baum nämlich hatte der Rabe in dem Wohlstand, in dem er so lange gehalten worden war, nicht für eine Sekunde vergessen. Was gab das ein Wiedersehen, als der Rabe mit aufgeregter Erwartung und laut pochendem Herzen zu seinem Freund flog: Da saß der Rabe auf dem toten, abgestorbenen Baum und krächzte verzweifelt und verbittert. Alles um den Baum herum grünte und blühte, nur in der Mitte stand der noch so junge und doch schon alte, verfaulte Baum tot rum. Schwarz, verfault. Was war nur aus dem Freund geworden?

Nun bist Du gefragt, lieber Leser: Was denkst Du, wer daran die Schuld trägt, dass die Freundschaft zwischen dem Baum und dem Raben wortwörtlich so zerfallen ist? Der egoistische Baum, der den Raben im Winter fast erfrieren ließ? Der Rabe, der den Baum alleineließ und in dessen schwerster Stunde nicht bei ihm war? Die Kinder vielleicht, die es gut mit dem Raben meinten du ihn vor dem Erfrieren retteten? Oder war das überhaupt eine Freundschaft? Vielleicht fühlte sich der Baum alleingelassen und gab dem Raben die Schuld. Oder vielleicht sind die Insekten die Zerstörer der Freundschaft, die den Baum zerfraßen, als der Rabe fort war, der sonst das Ungeziefer gefressen hätte?

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Ein Kommentar

Verfasst von - 20. Dezember 2006 in Erlebtes, Gedanken

 

Eine Antwort zu “Der Rabe und der Baum

  1. Dekar

    22. Dezember 2006 at 10:37

    Hmm… mein erster, spontaner Gedanke war, dass im Prinzip der Winter die Schuld am Verlauf der Geschichte trägt. Andererseits ist der Rabe egoistischer als der Baum, denn er gibt nicht viel, der Baum aber viel dem Raben. Aber dafür kann der Rabe auch nichts, denn er hat nicht viel zu geben, zumindest nicht an einen Baum…

    lg dekar

     

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