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Hommage an die dreieinhalb – 3

21 Mrz

Herr H. war mein erster Professor. Zumindest sprach und unterrichtete er so. Endlich wurde einmal das Mathebuch mit den immer nach demselben Prinzip funktionierenden Aufgaben zur Seite gelegt, um Aufgaben zu meistern, von denen Herr H. praktisch ausging, dass keiner sie lösen könnte. Außerdem begeisterte mich seine Exaktheit, vor allem in der Art und Weise, wie etwas aufzuschreiben sei. Unterstreichen, Pfeile, Exaktheit beim Zeichnen. All das ist mir bei ihm in Fleisch und Blut übergegangen und es ist diese Art der Ästhetik, die mich an der Mathematik so fasziniert. Den größten Teil dieser Exaktheit habe ich zu meinem Bedauern wieder verloren, schon allein deshalb, weil es mir bei meinem Abitur nicht gestattet war, Millimeterpapier für meine Zeichnungen zu verwenden. Ich war keinesfalls gut bei Herrn H., auch wenn er meinem Vater mal erzählte, ich sei seine beste Schülerin – was mich natürlich richtig mit Stolz füllte. Ich bin tatsächlich oft an den Aufgaben, die mir gestellt wurden, verzweifelt, war aber gleichzeitig noch nie so glücklich in diesem Fach. Zum ersten Mal fühlte ich mich voll ausgelastet und genoss das Gefühl, fünfundvierzig Minuten Aufmerksamkeit zu bieten, ohne dass es auch nur eine Spur langweilig geworden wäre. Natürlich gab es da auch Ausnahmen. Es gab Stunden, in denen Schüler an der Tafel geprüft wurden, die einfach nicht mit Herrn H.s Sprechtempo mithalten konnten. Irgendwann in der 12. Klasse hatte ich mich aber auch größtenteils an Herrn H.s Sprechtempo gewöhnt, so dass ich ihn am liebsten gebeten hätte, wieder etwas an Tempo zuzulegen. Aus Bewunderung an ihn verdrängte ich jeden Gedanken an Geisteswissenschaften, um Mathematik zu studieren. Als er nicht mehr mein Lehrer war, spielte ich auch noch mit diesem Gedanken, wurde mir dann aber bewusst, dass ich mich nur dafür entscheiden würde, um diese Geschwindigkeit und Exaktheit noch einmal erleben zu dürfen. Ein Talent für die Mathematik habe ich meines Erachtens nicht, habe den Gedanken letztendlich also wieder verworfen, mit der Hoffnung, an der Hochschule unterrichte man generell in angemessener Geschwindigkeit.
Auch für die vielleicht etwas veraltete Unterrichtsform bin ich sehr dankbar. Die Tische wurden am Anfang jeder Stunde aus diesen pädagogisch sinnvollen E-Formen in gerade Reihen geschoben und es folgte, was man heutzutage wohl als Frontalunterricht beschimpft. Nun, es gibt einige Lehrer, die einen nie zu Wort kommen lassen, was dann in der Regel aber reinste Qual ist, weil das, was der Lehrer zu vermitteln versucht längst klar ist. Der Unterricht von Herrn H. dagegen war schnell, exakt und schwierig. Über einfache Dinge, auf die jeder eine Antwort gewusst hätte, hat er hinweggesehen und sie einfach selbst beantwortet.
Der größte Verdienst von Herrn H. ist es aber wohl, dass er anscheinend der einzige an meiner Schule war, der merkte, dass es mir schlecht ging – oder den es interessierte.
Herrn H. wünsche ich, dass seine gewünschte Versetzung an eine andere Schule endlich gelingt und er ein wenig schlauere Schüler bekommt als unseren Kurs zu der Zeit.

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Verfasst von - 21. März 2007 in Studium

 

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