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Wie in alten Zeiten

24 Apr

„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“ sagte Gustav Freytag (1816-1895) und dies scheint wirklich zu stimmen. Das Klammern an das Alte, Traditionelle ist dabei der Ursprung allen konservativen Denkens und Handelns. Wenn ich also folgendes erzähle, weiß ich nicht, ob es jedem Menschen so geht oder doch nur den Konservativen, die sich nur schwerlich an Neues gewöhnen.
Ich ging in meine alte Schule. Ich sah den Schulleiter, den Bibliothekar, die Bibliothek und einige Zwölftklässler und ich hatte nicht das Gefühl, bereits das Abitur zu haben, sondern genau dort hinzugehören. Auch ansonsten habe ich meine neue Freiheit noch nicht begriffen. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, etwas Besonderes – was eine Abiturprüfung zweifelsohne darstellen soll – geleistet zu haben, dass es so ist, merke ich nur an den vielen Menschen, die mir auf der Straße zu meinem bestandenen Abitur gratulieren, so als ob es tatsächlich etwas Besonderes sei. Ist es nicht. Es sind Klausuren wie sonst auch immer. Der einzige Unterschied ist, dass diesmal tatsächlich darauf geachtet wird, dass vor der Tür alles ruhig ist. Aber vielleicht ist es normal, dass man diese Situation, das Abitur bereits in der Hand zu haben, nicht ganz begreifen kann, wo man doch dreizehn Jahre lang fast tagtäglich in die Schule trottete.
Noch seltsamer ist es, dass ich gestern jemanden am Auto stehen sah, von dem ich aus der Ferne dachte, es sei meine Freundin. Beim Näherkommen, stellte sich heraus, dass sie es tatsächlich war. Sie schaute mich an und ich freute mich. Ich lächelte und sie schien zurückzulächeln. Ich winkte und sie schaute eigentlich doch nur an mir vorbei. Auch hier konnte ich es eigentlich kaum begreifen, dass die Zeit mit ihr vorübersein sollte. Auch hier hatte sich die Gewohnheit eingestellt, Freude darüber, sie zu sehen, das Wissen, mit ihr alles teilen zu können. Das zwar nur für zwei Jahre, aber zwei Jahre können doch eine lange Zeit sein. Und genau wie bei der Schule war es von heute auf morgen vorbei. Ich stand da, fassungslos und konnte es einfach nicht begreifen. Ich habe auch lange gebraucht, um wirklich verstehen zu können, dass es tatsächlich einfach so vorbei ist und dass es da kein zurück gibt. Nun gut, so ganz habe ich es immer noch nicht begriffen. Verjährt ist der Tag nämlich auch noch nicht. Aber bald.
Ist es eigentlich falsch, wenn man nur noch aus Gewohnheit zusammenbleibt? Ich dachte immer, es sei einer der Hauptgründe, um eine Beziehung einzugehen, damit man ein immer gleiches Umfeld hat und sich in der Welt so zurecht findet. Das dachte ich, bis ich unter eine zwischenmenschliche Beziehung, unter eine Gewohnheits- und Zweckbeziehung selbst den Schlussstrich setzte.
Gibt es Menschen, die keine Angst vor dem Neuen und Unbekannten, Ungewohnten haben? Vielleicht liegt es ja auch einfach nur an meiner Orientierungslosigkeit, dass ich jede Veränderung der Umwelt mit Unbehagen betrachte.
Die Welt ist einem ständigen Wandel unterstellt und ich bin meistens zu tief in mich selbst und meine Gedanken versunken, um diese Veränderungen genau zu beobachten. Wenn ich dann wieder die Welt betrachte, ist sie eine völlig neue.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 24. April 2007 in Erlebtes, Gedanken

 

Eine Antwort zu “Wie in alten Zeiten

  1. Dekar

    24. April 2007 at 21:20

    Das ist wohl das Dilemma: Dass niemand die Veränderung der Umwelt beeinflussen kann, egal ob er diese Veränderung begrüßt oder nicht. Wenn man einen ehemaligen Freund lange Zeit nicht sieht, so wird die Beziehung nicht bleiben wie sie ist, was genau das Problem ist: Man hat auf sehr viele Dinge keinen Einfluss und wenn man sich zeitweise nicht darum kümmert, ist man nachher umso erstaunter, was sich alles verändert hat. Selbstverständlich sowohl zum Poisitiven als auch zum Negativen.

    Aber über das Thema gibt es eigentlich nicht viel zu sagen, wenn man nicht altklug klingen will. ;) Es ist halt, wie es ist.

     

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