RSS

Ferris: Wir waren unsterblich

02 Mai

41iZj3j61VL„Wir waren aufsässig und überbezahlt.“ In Joshua Ferris Debütroman wird witzig und realistisch der Büroalltag einer amerikanischen Werbeagentur beschrieben. In der Wir-Form erzählt, erfährt der Leser allerhand Klatsch und Tratsch, aber auch Einzelschicksale einzelner Mitarbeiter und besonders packend scheint gemäß Goethe die Tatsache „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“ zu sein: „Wie sehr wir unsere Kaffeebecher hassten! […] Sogar die Fotos unserer Lieben, zur Ermunterung an die Rechnerbildschirme geheftet, gemahnten auf widerwärtige Weise an die unfrei verbrachte Zeit. Aber sobald wir ein neues Büro bezogen, […] wie sehr liebten wir dann alles aufs Neue und dachten angestrengt darüber nach, wo die Dinge nun hingehörten, und betrachteten am Ende des Tages mit Genugtuung, wie gut unsere alten Sachen sich in diesen neuen, besseren, wichtigeren Räumlichkeiten machten. In unseren Seelen gab es dann keinen Zweifel mehr daran, dass wir die richtigen Entscheidungen getroffen hatten, wobei wir an den meisten Tagen Männer und Frauen mit zwei Seelen in der Brust waren. Wo auch immer man hinsah, auf die Flure, in die Toiletten, in die Kaffeebar […], wir liefen mit unseren beiden Seelen rum.“ Um es kurz zu machen: Sie hassen alles an ihrem Beruf. Sie hassen die Arbeit, die sie tun, sie hassen die Leute, mit denen sie zusammenarbeiten, sie hassen die Räumlichkeiten. Gleichzeitig hängen sie an ihrem Job, denn er gibt ihnen die Möglichkeit mit ihren Kreditkarten Geld für alles mögliches Sinnloses zu verschwenden. Als die Werbeagentur also Kundschaft verliert und dem Konkurs immer näher kommt, müssen die Mitarbeiter des Kreativteams mit ansehen, wie einer nach dem anderen spanisch den Flur runtergeht – soll heißen, einem nach dem andern wird gekündigt. So klammern alle noch fester an ihrer Arbeit und tun geschäftiger denn je, obwohl sie sich wieder nur für irgendwelche Gerüchte in Bennys Büro treffen und der Leser begleitet das Team in Geschichten und Erinnerungen, bis keiner mehr übrig geblieben ist.
Ein zweites großes Thema des Buches ist Krebs. Die Werbeagentur soll für eine Pro-Bono-Kampagne etwas finden, das Brustkrebspatientinnen zum Lachen bringt – eine schier unlösbare Aufgabe, wie es scheint. Nicht zuletzt durch das Schicksal Lynn Masons, die an Krebs stirbt, erfährt der Leser einige wahrhaft tragische Geschichten über den Krebs und setzt sich beinahe nebenher mit dem Thema auseinander.
Eine besondere Herausforderung für den Leser ist die zeitliche Einordnung der Geschehnisse, denn erzählt wird nicht der chronologischen Reihenfolge nach, sondern passend zu einer Situation tauchen verschiedene Erinnerungen auf. So wird beispielsweise nach Chris Yops Entlassung noch öfter von ihm als Kollegen erzählt, was zur Verwirrung führen kann.

Mit der nüchternen Sprache fesselt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite und auch ohne den zu einem Büroroman passenden Stil, ist das Ende eines der besten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Hier liegt ergo ein durch und durch runder Roman vor, den ich nur jedem empfehlen kann. Ein wahrhaft gelungenes Debüt!

Advertisements
 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 2. Mai 2007 in Bücher

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: