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Camus: L’Etranger

22 Mai

410S26D9CJLWas verleitet eigentlich dazu, bei bestimmten Büchern nicht einfach den Inhalt so hinnehmen zu können, wie er ist, sondern Hintergründe zu finden und Interpretationen anzustellen? Vielleicht liegt es daran, dass der Autor bekannt ist und bei den Größen ein sinnvoller Hintergrund da sein muss. Vielleicht wirkt der Inhalt auch einfach nur abstrakt und man versucht es zu verstehen. Wie auch immer, das Buch „L’Etranger“ von Albert Camus ist vom Inhalt her wirklich allzu banal. Ein Mann gerät in eine Freundschaft und bringt jemanden um. Vor dem Gericht hat er sich nun zu verantworten. Das Urteil wird negativ ausfallen und der Protagonist wird auf einem öffentlichen Platze hingerichtet werden.
Da mich das Buch stark an Kafkas „Der Prozeß“ erinnerte, suchte ich zunächst, das Buch in diese Richtung hin zu interpretieren. Im Deutschunterricht lernte ich, dass der Prozeß einzig und allein eine Anspielung auf Kafkas strengen Vater ist. Alles verkörperte letztendlich seinen Vater, mit dem Kafka anscheinend ein ernstes Problemchen hatte. Die Kritik an der Undurchsichtigkeit der Juristenwelt, sie ich selbst in den „Prozeß“ hineininterpretiert habe, lässt sich dennoch eher auf Camus übertragen. Aber selbst das reichte mir nicht aus, um den Titel des Buches zu klären. Ich habe nämlich natürlich nicht nach einem Fremden gesucht, der im deutschen Titel vorkommt, sondern einen Ausländer, den ich bis zum Schluss nicht gefunden habe. Weiter versuchte ich es also mit der Schuldfrage, die wir im Prozeß an allerhand Indizien durchführten (man erinnere sich beispielsweise an den Apfel, den Herr K. bei seiner Verhaftung verspeiste). Die Schuldfrage ist ja auch selbst Inhalt des zweiten Teils der Lektüre. Seltsamerweise suchte die Justiz die Schuldfrage zu lösen, indem sie herausfinden wollte, ob der Protagonist um seiner verstorbene Mutter getrauert hatte oder nicht.
Wenn ich also meine bescheidenen Gedanken bezüglich der Schuldfrage preisgeben dürfte: Der Protagonist ist schuldig, sich ständig schuldig zu fühlen und gefühllos zu sein. Er ist mit einer Dame zusammen, die er heiraten würde, obwohl er sie nicht liebt. Eigentlich ist es ihm egal, ob er sie heiratet oder nicht. So geht es ihm mit allem. Selbst das Ende der Gerichtsverhandlungen ist ihm irgendwo egal.
Die Gesellschaft ist schuldig, einen unsicheren Menschen, der keine Gefühle zeigen kann oder keine Gefühle zu haben scheint, nicht in ihrer Mitte akzeptieren zu können.
Die Hauptschuld trägt eigentlich Raymond, der den „arabe“ provoziert hatte, der ihn erschießen wollte und von dem das lyrische Ich, der Protagonist, die Feuerwaffe hatte.
Mitschuld hat auch die Sonne, die so heiß geschienen hat, die dem Protagonisten jegliche Gedanken raubte.
Anhand dieser Schuldanalyse bin ich auf eine Interpretation gestoßen, die wahrscheinlich nicht stimmt, wie das bei den meisten meiner Interpretationen der Fall ist:
Nachdem ich erfahren hatte, dass die Pest von Camus eine Gesellschaftskritik ist, muss auch dieses Werk eine sein. Da die Handlung in Algerien spielt, muss also eine Kritik bezüglich des Koloniewesens Frankreichs vorhanden sein.
Das Mutterland (das natürlich die Justiz ist – denn wer sonst hat das Rechtssystem in der Kolonie auf diese Weise eingeführt) versteht das Verhalten der Koloniebewohner nicht. Sie sind ihnen fremd und daher verurteilen sie sie. Andererseits könnte Camus auch die Kolonieländer anklagen, da sie sich nicht gegen die unberechtigte Herrschaft der Mutterländer wehren.
Falls jemand in der Schule eine plausiblere Interpretation gelernt hat oder er sich eine bessere ausgedacht hat, stehen die Kommentare dafür offen, mich darüber zu informieren. Wie gesagt: Meistens sah ich zu viel in Gedichten und sonstigen Werken.

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2 Kommentare

Verfasst von - 22. Mai 2007 in Bücher

 

2 Antworten zu “Camus: L’Etranger

  1. Momoko

    25. Mai 2007 at 22:17

    Wie dick is das Buch denn? Der Prozess is ja sehr kurz…
    Das Buch is auf französisch oder?
    Etranger heißt laut leo.org nicht nur Ausländer, sondern auch Fremdling/Fremder. Und vllt muss das nicht mal auf die Nationalität bezogen sein. Was meinst du? Oder der „arabe“ ist damit gemeint?

    Die Sache mit der Schuldfrage find ich immer schwierig, weil da meistens zu viele Sachen zusammenspielen als dass man wirklich schuld zuweisen kann. Höchstens in dem Sinne wer vor einem deutschen Gericht für schuldig erklärt worden wäre.
    Aber warum ist es eigentlich immer so wichtig zu wissen wer Schuld ist? An der Sache an sich änder das ja eh nix mehr. Braucht da nur jemand einen Sündenbock und jemanden, auf den man seinen eventuellen Hass projezieren kann?

    Liebe Grüße,
    Momoko

     
  2. Kiya

    28. Mai 2007 at 18:21

    „L’Etranger“ ist auch sehr kurz. Deshalb habe ich mit dem Buch aus meinem großen Bücherberg der vor dem Studium noch zu lesenden Bücher begonnen. Natürlich in der Originalsprache. Besonders schwer schreibt Camus aber nicht.

    Ich habe die ganze Lektüre hindurch nach dem Fremden oder dem Ausländer gesucht. Jeden hatte ich mehrere Seiten lang in Verdacht. Letztendlich kann es trotzdem nur der Protagonist selbst sein. Zumindest, wenn man den Begriff nur auf eine einzige Person anwenden will. In gewissem Sinne waren alle Personen in manchen Dingen Fremde. Das Problem ist, dass der Titel des Buches einen bestimmten Artikel in sich trägt.

    Wie man in diesem Falle nach Schuld und Nichtschuld fragen kann, kann ich auch nicht ganz begreifen. Das Gericht hatte aber, so glaube ich, das Problem, dass jemand getötet wurde und man dem Mörder im Namen des Staates und des Gesetzes irgendetwas antun muss. Allein als Mahnung für alle anderen Verbrecher. Denn die Schuld, jemanden getötet zu haben, trägt der Protagonist auf jeden Fall.
    Irgendwie versteht es der Angeklagte sogar, dass jemand hingerichtet werden muss. Und nun ist es halt er. Ob er jetzt oder in 30 Jahren stirbt ist ja auch egal.

    Es ist wahrhaft schwere Lektüre, wenn man einen Sinn hinterfragen will.

    Gruß
    Kiya

     

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