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Über Zeugnisse

06 Jul

In Rheinland-Pfalz ist heute Zeugnistag. Deshalb muss natürlich auch ich meinen Senf zu diesem Thema an die Öffentlichkeit stellen.
Insgesamt habe ich in der Schule 24 Zeugnisse + 1 Abiturzeugnis bekommen. Wenn man also jahrelang mit nur dieser einen Form konfrontiert wird, kann man sich kaum vorstellen, dass es noch andere geben könnte. An dieser Stelle also eine kleine Denksportaufgabe an alle Deutschen: Versucht euch ein Zeugnis auszudenken, das komplett anders aussieht als unseres. Schwer vorstellbar? So ging es mir auch – die einzig mögliche Form zeigte natürlich auch unser Schulzeugnis.
In den letzten Wochen hatte ich das Glück und durfte sämtliche Zeugnisse einer gesamten Grundschule auf Rechtschreib- und Grammatikfehler hin überprüfen. Das sind sieben Klassen gewesen und zu meinem größten Erstaunen sieben verschiedengute Zeugnisstile. Lehrer lernen das Zeugnisschreiben nicht, sondern müssen es sich selbst beibringen. Aber darauf wollte ich ja nicht hinaus.
In dieser meiner Funktion als Korrektor bekam ich auch ein französisches Zeugnis vorgelegt, das ich zwar nicht auf die Rechtschreibung hin prüfen sollte, sondern mich nur in diese Art von Zeugnis einarbeiten sollte. Das Einarbeiten war auch nötig, denn es sieht echt komplett anders aus als unseres. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, dieses riesengroße, faltbare, grüne Etwas als Zeugnis zu bezeichnen. Eintragungen auf dem grünen Wisch waren für die „moyenne section“ und die „grande section“ der école maternelle und für der/die/das C.P. Vorhanden. Wie lange also eine solche Bewertung den Eltern der Schüler vorgelegt wird, weiß ich nicht. Es gab dort für jedes Schuljahr eine Liste mit Dingen, die Kinder in diesem Alter können sollten. Die Lehrer hatten dann anzukreuzen, wie gut die Kinder dies können. Ist das nicht genial? Eltern können hier tatsächlich ihr Kind einschätzen. In den deutschen Grundschulzeugnissen wird nur geschrieben, was die Kinder können- selbst Dinge, die sie nicht können, werden positiv ausgedrückt: Du schaffst es schon ganz gut, dich zu melden, wenn du etwas sagen willst. Prima! Kann es nicht sein, dass die Eltern das tatsächlich als Lob verstehen und nicht als das, was es eigentlich ist? Dinge, die das Kind gar nicht getan hat, werden in Zeugnissen erst gar nicht erwähnt.
Französische Zeugnisse geben den Eltern also eine Chance, ihr Kind auch im Vergleich zu anderen einzuschätzen, da deutsche Eltern den Erwartungshorizont gar nicht kennen. Wissen denn alle Eltern, dass der Erwartungshorizont der Mathematik der dritten Klasse das Rechnen im Zahlenraum bis hundert ist und dass es also durchaus kein Lob ist, wenn im Zeugnis vermerkt ist, dass das Kind alle Aufgaben bis zwanzig problemlos bewältigt? Ich fände eine Zeugnisreform durchaus sinnvoll- die französischen Exemplare gefallen mir nämlich eindeutig besser. Außerdem haben die Lehrer dann weniger Arbeit mit dem Schreiben von positiven Dingen.

An dieser Stelle denke ich auch zum ersten Mal wieder über meinen Abiturschnitt nach. Ob der Schnitt tatsächlich mein ganzes Potenzial zeigt? Ich frage mich, ob ich nicht einen besseren Schnitt gehabt hätte, wenn ich von Anfang an auf einer Schule gewesen wäre, die mir Spaß gemacht hätte. Eine Schule, in der ich – vor allem auch fürs Abitur – nicht so viel nachholen gemusst hätte. Aber das sind alles wenns und abers – die Realität hat mir ein Abiturzeugnis beschert, mit dem ich eigentlich zufrieden sein sollte. Sobald ich mein Studium aufgenommen habe, wird sowieso niemand mehr danach fragen. Meine einzige Sorge gilt jetzt nur dem, was ich gestern mit Dekars Hilfe so schön formuliert habe: Ich war nicht Beste, aber ich habe gewonnen. Man kann auch gewinnen, indem man überall Zweiter ist. Zum Schluss wird nur jeder aus allen Wolken fallen, weil man mit so etwas nicht rechnet – so auch bei mir. Deprimierend.

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2 Kommentare

Verfasst von - 6. Juli 2007 in Gedanken, Studium

 

2 Antworten zu “Über Zeugnisse

  1. loewenzahn

    9. Juli 2007 at 11:29

    Das mit dem Zeugnissen klingt wirklich mal spannend! Nur dass es zu einer Zeugnis-Reform wahrscheinlich niemals kommen wird. Deutschland eben…

    Aber hey: Findest du es wirklich so wichtig, die Beste zu sein? Ich hab die Erfahrung gemacht, dass es völlig egal ist, an welchem Platz man steht, hauptsache, man kommt weiter. *g*

     
  2. Kiya

    11. Juli 2007 at 12:32

    Wenn ich mich mal irgendwann beruflich neu orientiere und die Rosa Kiyapartei (RKP) gründe, dann werde ich mich für neue Zeugnisformen starkmachen.

    Ich glaube, dass ich in der Schule damit leben kann, nicht Beste zu sein. Aber insgesamt glaube ich, dass man versuchen sollte, nicht so passiv zu sein und einfach nur weiterkommen zu wollen. Es ist zwar bequemer und man bekommt keine Vorhalte zu hören, doch ist es meiner Meinung nach eine falsche Mentalität, Leistung abzulehnen. In anderen Ländern wird diese gefördert und gefordert. Nur in Deutschland darf man Leistung nicht zeigen.

    Gruß
    Kiya

     

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