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Genitivus subj./obj.

25 Jul

Jeder Lateinschüler, der diese Sprache über einen längeren Zeitraum lernt, wird irgendwann über eine Phrase stolpern wie etwa timor piratarum. Die wörtliche Übersetzung ins Deutsche ist „die Furcht der Piraten“. Aber Vorsicht! Hier muss man zwischen einem Genitivus subjektivus und einem Genitivus objektivus unterscheiden.

Genitivus subjektivus: Die Furcht der Piraten. (die Piraten sind hier Subjekt)

Genitivus objektivus: Die Furcht vor den Piraten. (die Piraten sind hier Objekt)

Der Ausdruck timor piratarum kann beides bedeuten und muss dem Kontext gemäß übersetzt werden. Im Normalfall hat man vor den Piraten Angst, weswegen hier der Genitivus objektivus meist richtiger ist.

So viel zum Lateinischen. Bisher war für mich der Ausdruck „Furcht der Piraten“ auch nur dafür geeignet auszudrücken, dass die Piraten sich selbst vor irgendetwas fürchten. Nimmt man aber Thomas Mann zurate, wird man die Meinung entweder über das Sprachgefühl oder über Manns Kompetenz ändern. In seinem Buch „Joseph und seine Brüder. Der junge Joseph“ heißt es auf Seite 25 (der Fischer Taschenbuchausgabe von 1995):

„Ach, käme es nur auf unsere Lust an, ihn zu verprügeln, er sollte nicht leer ausgehen, wie es nun leider geschehen muß von wegen der Furcht Jaakobs!“

Der Ausdruck der Furcht Jaakobs wird auch später noch verwendet, weswegen man nicht davon ausgehen kann, dass es sich hier um einen Druckfehler handelt. Liest man den Satz kontextfrei, hieße die Stelle für mich, dass die Brüder den Joseph nicht verprügeln können, weil Jaakob, der Vater, Angst davor hat. Man muss sich schon einiges zurechtbiegen, wenn man den Satz in diese Richtung hin interpretieren möchte. In Wahrheit haben nämlich Josephs Brüder Angst vor dem Zorne des Vaters.
Die Wahl Manns Wörter ist also nur zu erklären, wenn er hier einen Genitivus objektivus verwendet hat, der meiner Meinung nach im Deutschen nicht verwendet werden kann.
Entweder verwendet man diese grammatikalische Form heute nicht mehr, ist im Grunde aber möglich oder Thomas Mann hat im Lateinunterricht zu gut aufgepasst und wusste nicht, dass das Deutsche dem Genitivus objektivus keinen Platz einräumt.

Jetzt müsste ich meinen Lateinlehrer fragen. Der könnte es mir bestimmt beantworten. Argh!

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4 Kommentare

Verfasst von - 25. Juli 2007 in Sprache

 

4 Antworten zu “Genitivus subj./obj.

  1. Charlie

    25. Juli 2007 at 19:44

    Ich glaube, dass der genitivus objectivus auch im Deutschen verwendet werden kann. Mein Sprachgefühl wehrt sich zumindest nicht gänzlich dagegen. Das dachte ich mir oben schon bei dem Beispiel mit den Piraten. Nicht zu abwegig, aber schwer.

     
  2. daniel

    25. Juli 2007 at 21:43

    Hm genitivus objectivus, das ist schon ne Zeit lang her. Aber ich würde darauf spekulieren, dass der Autor, wenn er den gen. obj. gemeint hätte, folgende Phrase benutzt hätte, „timor piratis“?….
    dat. pl. Die Angst vor den Piraten. :)

     
  3. Kiya

    26. Juli 2007 at 09:18

    Also im Lateinischen ist für mich der Ausdruck timor piratis mit einem Dativ undenkbar. Aber ich stimme zu, dass es tatsächlich so heißen könnte – nur dass das piratis ein Ablativ ist. Ein Ablativ, finde ich, ist durchaus plausibel. Aber darum ging es ja gar nicht. Thomas Mann hat eindeutig einen Genitivus objektivus verwendet. Da war ncihts mit Dativ, nichts mit Ablativ, einzig und allein ein Genitiv. ;)

    Vielleicht ist der Genitivus objektivus im Deutschen genau dann möglich, wenn man den Sinn nicht verfälscht. Bei der Furcht der Piraten ist es nicht wirklich sicher, was genau das nun heißen soll. Bei der Furcht Jaakobs weiß aber jeder Bibelkundige, dass sich die BRüder vor dem Vater fürhten, so dass der Sinn derselbe bleibt.
    Mir kommt es trotzdem komisch vor.

    Gruß
    Kiya

     
  4. Charlie

    26. Juli 2007 at 18:06

    Ich würde nie darauf plädieren, dass etwas klar ist.
    Das stört mich auch ein wenig am Latein, „aus dem Kontext erschliessbar“. Nein, nicht immer. Manchmal ist es genau der Kontext, der es anders scheinen lässt.

     

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