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Ein Fluß rauschte beständig aus der Tiefe…

19 Apr

Postapokalyptische VisionLandschaftsbeschreibungen in der Literatur sind meist Passagen, die man gerne überspringt. Besonders über Karl Mays Bücher heißt es: Und dann habe ich dreißig Seiten weiter geblättert, bis die Geschichte weiterging. (Wobei ich selbst stolz verkünden möchte, dass ich mich durch solche Passagen gekämpft habe! Allerdings fand ich sie langweilig und daher haben sie mir keinen Mehrwert eingebracht…) Muss ich ein Buch schnell lesen, überspringe ich solche Stellen übrigens auch, weil sie nicht zur Handlung beitragen. Ein Professor hat allerdings bereits mehrfach erklärt, dass man das nicht tun solle, weil man gerade in den Landschaftsbeschreibungen eine besondere Botschaft über das Buch finden könne.
Da ich mich aber immer noch mit der Bedeutsamkeit von Landschaftsgemälden in der Literatur schwertue, stelle ich hier kurz einige Gedanken vor, die mir ebenjener Professor versucht hat einzupflanzen.

Es gibt drei Arten von Landschaftsgemälden. Die klassichen zwei, das sind der locus amoenus und der locus terribilis. Der locus amoenus stellt die schöne Natur dar, mit Bäumen, Flüsschen und sanften Hügeln. Die Natur hat hier nichts Erschreckendes, sie ist durchsichtig und transparent. Dagegen zeigt der locus terribilis die erhabene Natur: Sie ist gefährlich, undurchsichtig und wild. Der dritte Landschaftstyp ist eine Mischung dieser beiden Formen, nämlich der pittoreske Landschaftstyp. Die Grundlage dazu bildet der schöne Raum, der vom Menschen nach seinen Vorstellungen gestaltet worden ist, dann aber von der Natur zurückerobert wurde. Sie ist wirr und soll dem modernen Leser klarmachen, dass die Natur weder schön noch erhaben ist. Sie ist eben ein Wirrwarr, in dem man sich erst zurechtfinden muss. Man durchschaut die Natur nicht mehr, steht ihr sozusagen hilflos gegenüber.

Ob mir diese Erkenntnisse beim Verständnis einiger Texte helfen können, bleibt abzuwarten. Das nächste Mal, wenn ich auf Landschaftsbeschreibungen stoße, muss ich einfach mal daurauf achten, um welchen Typus es sich handelt und was sich dahinter verbirgt. Vielleicht ist es eine ganze Poetologie.

Mich hat die Schilderung pittoresker Landschaften übrigens an Bilder von postapokalyptischen Visionen in Japan erinnert. Auch hier werden von Menschen gestaltete Plätze dargestellt, die sich die Natur zurückerobert hat, nachdem die Menschen verschwunden sind. Einfach wunderschöne Bilder, die etwas Trauriges und Beruhigendes zugleich ausstrahlen.

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6 Kommentare

Verfasst von - 19. April 2012 in Bücher, Gedanken, Studium

 

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6 Antworten zu “Ein Fluß rauschte beständig aus der Tiefe…

  1. Alex

    20. April 2012 at 09:47

    Ich muss mich manchmal auch bewusst daran hindern, Landschaftsbeschreibungen zu überblättern. Häufig kann ich im Nachhinein nicht einmal sagen, ob und wie oft ich Textpassagen übersprungen habe. Manchmal sind es auch nur ein paar Zeilen oder Absätze, die ich auf den ersten Blick für unwichtig erachte.
    Es gibt ja Möglichkeiten, die Bewegung des Blickpunktes des Auges nachzuvollziehen, während ein Mensch liest. Ich fände es sehr interessant, das einmal bei mir zu testen, während ich ein Buch lese.

     
    • Kiyachan

      24. April 2012 at 06:20

      Es ist interessant, dass du noch nicht einmal merkst, wann du Zeilen überspringst. Das unterschiedliche Leseverhalten der Leute scheint in der Tat ein spannendes Thema zu sein.

       
  2. Nenemama

    20. April 2012 at 16:54

    Wenn ich ein Buch lese, geht es mir mit solchen Passagen ganz anders. Ich erlebe sie als entspannend. Ich genieße dann das pure (sinnfreie) Lesen, das Gleiten meiner Augen über den Text. Vorausgesetzt natürlich, ich muss den Text nicht lesen oder bin im Stress, genieße ich solche langsamen Passagen. Übrigens hat mich das Ganze auch an Filme erinnert. Hektische Filme mag ich nicht. Die tun meinen Augen weh. Ich schwärme für Filme, die langsam gedreht sind, bei denen ich in einer Landschaft verweilen darf, in denen es lange Einstellungen gibt. Auch dabei entspanne ich mich.

     
    • Kiyachan

      24. April 2012 at 06:24

      Bei Filmen genieße ich auch die langsamen Szenen, vielleicht sogar Landschaftsaufnahmen.
      Bei literarischen Beschreibungen muss manaber trotz der Ruhe im prinzip richtig aufpassen. Seit wir einmal über Kafkas Kleidungsbeschreibung gesprochen haben (etwas total Wirres und Unsinniges – aber es hört sich gut an!), ist mir zumindest bewusst, dass ich solche beschreibenden Passagen zwar lesen kann, das sich in meinem kopf aber trotzdem kein exaktes Bild dessen, was ich lese, aufbaut.

       
  3. Mascha

    23. April 2012 at 10:56

    Also ich kenne mich mit diesen ganzen Landschaftstypen nichts aus, aber in Büchern lese ich solche Beschreibungen, damit ich mich besser in die Geschichte einfinden kann.

     
    • Kiyachan

      24. April 2012 at 06:25

      Das ist sehr löblich. Normalerweise mache ich das auch. Nur wie gesagt, wenn es schnell gehen muss, fürs Studium, dann suche ich nach ser Stelle, wo es mit der handlung weitergeht. Aber dann kennt man vermutlich die Handlung, aber nicht die Stimmung des Buches.

       

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