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Für den Alltag nicht geeignet

24 Jul

Non vitae, sed scholae discimus.
Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir. Wir Lateinschüler fanden es damals ganz lustig, das bekannte Zitat (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir) auf diese Art zu verdrehen, nicht ahnend, dass diese Fassung in Wahrheit das Original ist. Seneca hat damit die Schulen seiner Zeit kritisiert. Und heute ist diese Kritik noch immer aktuell.

Das habe ich mal wieder festgestellt, als ich in Frankreich unterwegs war. Ich spreche und schreibe ein Französisch, mit dem ich mich in der französischen Uni adäquat sschriftlich und mündlich ausdrücken kann. Ich kann mich natürlich auch auf der Straße verständlich machen. UNd dennoch habe ich feststellen müssen, dass ich keine Ahnung habe, wie man in Frankreich WIRKICH sprachlich einkaufen geht. In den Geschäften kann ich mich bedanken, nach konkreten Dingen fragen und fordern – aber die Floskeln, die man tatsächlich benutzt, die kannte ich nicht. Kein Mensch hat mir in der Schule beigebracht, dass man auf ein „Merci“ mit einem „Je vous en prie“ antwortet. Auch die ganzen spielerischen Übungen im Unterricht, mit denen man lernen soll, wie man auf einem Markt einkauft, sind im Prinzip Unsinn – denn die Franzosen benutzen in Wahrheit eben doch andere Formulierungen. Ich hätte in meinem Auslandsjahr vermutlich mehr Zeit in Geschäften ud auf dem Markt verbringen sollen, um den Gesprächen zu lauschen. Aber dafür war ich natürlich zu beschäftigt – typisch: Für die wahren Wichtigkeiten des Lebens nimmt man isch ienfach keine Zeit. Was sagt man zum Beispiel, wenn man keine Tüte für seinen Einkauf braucht? Nur durch Zufall habe ich mal aufgeschnappt, wie ein Herr vor mir die Plastiktüte sehr höflich abgelehnt hat. Für das von mir bis dahin gewählte „Ich brauche keine Tüte, Danke“ habe ich mich dann einfach nur noch schämen müssen.
Mein Französisch ist für den Alltag einfach nicht geeignet.

Auf den Vorwurf, dass die Schule nicht auf das alltägliche Leben vorbereite, reagieren Schulbuchverläge mittlerweile. Als ich ein Mädchen ein Jahr lang in Hausaufgaben und Prüfungen durch die achte Klasse begleitete habe ich festgestellt, dass sich die Lehrbücher seit meiner eigenen Schulzeit drastisch geändert haben. Vor allem das Mathebuch erregte meinen Unmut. Lambacher Schweizer-Bücher haben einfach grau und trist auszusehen. Das hat ihren Charme – und den Charme des Matheunterrichts gleich mit dazu – einfach ausgemacht. Jetzt sind die Bücher bunt, um zu vermitteln, wie lustig und bunt die Mathematik sein kann. Während wir damals Textaufgaben lösen mussten, die einfach Textaufgaben waren, haben diese heute einen Anstrich der Alltagspraxis. Man möchte einen Auslauf für seinen Hund bauen und mit einer bestimmten Zaunlänge die Fläche so groß wie möglich machen (neben der Aufgabe ist natürlich noch eine farbige Abbildung eines Hundes zu sehen). Dem Mädchen ging es nicht in den Kopf, dass diese Rechenaufgabe alltagstauglich sein sollte. Sie hätte einfach rumprobiert, wie die Fläche am größten wird. Ich wahrscheinlich auch.

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