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Archiv der Kategorie: Bücher

Houellebecq: Plateforme

plateformeEin oder zwei Bemerkungen vorab: Michel Houellebecq ist der Autor von « Les Particules élémentaires ». Wem das auch nichts sagt, dem erkläre ich kurz, dass Houellebecq derzeit der meistgelesene, aber auch meistumstrittene Autor Frankreichs ist. Die Islamkritik hat ihn sogar vor ein Gericht gebracht. In unseren letzten Französischstunden, wollte unsere Lehrerin mit uns ein zeitgenössisches Buch lesen und Houellebecq bot sich gerade dazu an. Gelesen hatte sie das Buch vorher nicht! Das ist wichtig, denn wenn sie es getan hätte, hätten wir uns das Buch garantiert nicht anschaffen müssen. Ich zitiere nur allzu gerne Bernhard , der zu Houellebecq meinte: „Houllebecq kommt mir manchmal vor, wie der Spruch vom Autounfall: “Man will nicht hin- kann aber auch nicht wegsehen”.“ So habe ich mich auch mit Mühe und Not durch das Buch gekämpft.

Nun aber zum Buch selbst: Der Protagonist, der wie der Autor auch auf den Namen Michel hört, beschließt sich dazu, eine Reise nach Thailand zu machen, nachdem sein Vater ermordet worden ist und er dessen Geld geerbt hat. Grosso modo passiert dort – 100 Seiten lang – überhaupt nichts, mit der einzigen Ausnahme, dass er Valérie kennen lernt, mit der er zusammen kommt, nachdem sie wieder zurück in Paris sind. Die beiden verbindet eine rein körperliche Liebe, die sie auch ständig ausleben. Der sonst so menschenscheue Michel und die ansonsten lesbische Valérie ziehen zusammen. Gegen Ende des Buches fahren die beiden noch einmal nach Thailand und beschließen, für immer dort zu bleiben. Es scheint alles super zu laufen, bis Michel Valérie durch eine Tragödie verliert.

Der, wie bereits erwähnt, etwas misanthropische Michel zeichnet sich dadurch aus, dass er besonders viel liest und alles an literarischen Werken zerpflückt, das ihm unter die Finger kommt. Kein Buch schneidet dabei gut ab. Zwischenmenschliche Beziehungen gelingen ihm nicht, nicht einmal zu richtigen Konversationen ist er imstande. Diese Unsicherheit fremden Menschen gegenüber, seine Voreingenommenheit scheint zwar vertraut, macht ihn aber nur um so unsympathischer. Auch seine einzig andere Leidenschaft, die Sexualität, mit der er – man glaube es oder nicht – tatsächlich Probleme hat. Neben den einzelnen Romanen, rechnet Michel noch mit der gesamten Menschheit ab. Er beschreibt den „tourisme sexuel“, erzählt beispielsweise ein paar menschenunwürdige Erlebnisse in Kriegen, kritisiert den Islam und beschwert sich ganz besonders über den „tourisme sexuel“. Zu wirklichen Gefühlen scheint Michel nicht fähig; er kommentiert einfach alles in neutralem Ton – sogar den Tod seines Vaters: „La mort remontait à trois jours, selon le médecin légiste. On aurait pu à l’extrême rigueur conclure à un accident, il aurait pu glisser sur une flaque d’huile ou je ne sais quoi. Cela dit, le sol de la pièce était parfaitement sec ; et le crâne était fendu à plusieurs endroits, un peu de cerveau s’était même répandu sur le sol ; on avait, olus vraisemblablement, affaire à un meurtre.“ Verdenken kann man ihm den teilnahmslosen Ton nur, wenn man die Umstände um die Entstehung des Buches weiß: Michel zieht sich für seine letzten Tage auf der Erde nach Pattaya zurück, meidet dort jegliche Kontakte, hat keine Lust mehr zu leben, was nicht bedeutet, dass er sterben möchte. So verfasst er seine Memoiren, was hinterher das Buch sein soll, das wir in Händen halten.

Wer Lust bekommen hat, das Buch zu lesen, der möge es lesen und sich hinterher darüber ärgern. Wirklich neue Einsichten bekommt man nicht, man ärgert sich höchstens über den Protagonisten. Empfehlenswert ist das Buch nur für solche, sie sich für abartige Perversionen der Sexualität interessieren und solche, für die die Frau auch am Hals abwärts beginnt. Dem Rest rate ich dringend dazu, das Buch einfach da stehen zu lassen, wo man es auch finden mag.

 
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Verfasst von - 9. Mai 2007 in Bücher

 

Ferris: Wir waren unsterblich

41iZj3j61VL„Wir waren aufsässig und überbezahlt.“ In Joshua Ferris Debütroman wird witzig und realistisch der Büroalltag einer amerikanischen Werbeagentur beschrieben. In der Wir-Form erzählt, erfährt der Leser allerhand Klatsch und Tratsch, aber auch Einzelschicksale einzelner Mitarbeiter und besonders packend scheint gemäß Goethe die Tatsache „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“ zu sein: „Wie sehr wir unsere Kaffeebecher hassten! […] Sogar die Fotos unserer Lieben, zur Ermunterung an die Rechnerbildschirme geheftet, gemahnten auf widerwärtige Weise an die unfrei verbrachte Zeit. Aber sobald wir ein neues Büro bezogen, […] wie sehr liebten wir dann alles aufs Neue und dachten angestrengt darüber nach, wo die Dinge nun hingehörten, und betrachteten am Ende des Tages mit Genugtuung, wie gut unsere alten Sachen sich in diesen neuen, besseren, wichtigeren Räumlichkeiten machten. In unseren Seelen gab es dann keinen Zweifel mehr daran, dass wir die richtigen Entscheidungen getroffen hatten, wobei wir an den meisten Tagen Männer und Frauen mit zwei Seelen in der Brust waren. Wo auch immer man hinsah, auf die Flure, in die Toiletten, in die Kaffeebar […], wir liefen mit unseren beiden Seelen rum.“ Um es kurz zu machen: Sie hassen alles an ihrem Beruf. Sie hassen die Arbeit, die sie tun, sie hassen die Leute, mit denen sie zusammenarbeiten, sie hassen die Räumlichkeiten. Gleichzeitig hängen sie an ihrem Job, denn er gibt ihnen die Möglichkeit mit ihren Kreditkarten Geld für alles mögliches Sinnloses zu verschwenden. Als die Werbeagentur also Kundschaft verliert und dem Konkurs immer näher kommt, müssen die Mitarbeiter des Kreativteams mit ansehen, wie einer nach dem anderen spanisch den Flur runtergeht – soll heißen, einem nach dem andern wird gekündigt. So klammern alle noch fester an ihrer Arbeit und tun geschäftiger denn je, obwohl sie sich wieder nur für irgendwelche Gerüchte in Bennys Büro treffen und der Leser begleitet das Team in Geschichten und Erinnerungen, bis keiner mehr übrig geblieben ist.
Ein zweites großes Thema des Buches ist Krebs. Die Werbeagentur soll für eine Pro-Bono-Kampagne etwas finden, das Brustkrebspatientinnen zum Lachen bringt – eine schier unlösbare Aufgabe, wie es scheint. Nicht zuletzt durch das Schicksal Lynn Masons, die an Krebs stirbt, erfährt der Leser einige wahrhaft tragische Geschichten über den Krebs und setzt sich beinahe nebenher mit dem Thema auseinander.
Eine besondere Herausforderung für den Leser ist die zeitliche Einordnung der Geschehnisse, denn erzählt wird nicht der chronologischen Reihenfolge nach, sondern passend zu einer Situation tauchen verschiedene Erinnerungen auf. So wird beispielsweise nach Chris Yops Entlassung noch öfter von ihm als Kollegen erzählt, was zur Verwirrung führen kann.

Mit der nüchternen Sprache fesselt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite und auch ohne den zu einem Büroroman passenden Stil, ist das Ende eines der besten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Hier liegt ergo ein durch und durch runder Roman vor, den ich nur jedem empfehlen kann. Ein wahrhaft gelungenes Debüt!

 
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Verfasst von - 2. Mai 2007 in Bücher

 

Nachtrag zum Tag des Buches am 23.04.

Die Woche vor dem Tag des Buches am 23.04. durfte ich mit einem Praktikum in einer Bücherei verbringen. Natürlich hatten wir das Buch „Ich schenke dir eine Geschichte 2007“ bereits im Lager und die Schüler, die dieses Jahr in der Schule alle einen Gutschein für ein solches Buch bekommen hatten, um sicherzugehen, dass diese das Buch auch wirklich holen, tauschten diese bei mir gegen die Büchlein ein. Ich selbst habe auch mal in das Buch reingelesen. Es ist schon furchtbar, dass man die Jugend mit solch einem Buch zum Lesen motivieren möchte. Da sollte man echt mit etwas Besserem aufwarten.

Auf onezblog.de habe ich ein kleines Lesestöckchen gefunden, das ich nachträglich auch gerne beantworten möchte, obwohl es mir nicht einmal zugeworfen wurde. Man möge mir das verzeihen.

Lesestöckchen

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Verfasst von - 26. April 2007 in Bücher

 

Timmerberg: Das Haus der sprechenden Tiere

Das Haus der sprechenden TiereMit dem Buch „Das Haus der sprechenden Tiere“ von Helge Timmerberg lag mir seit langem mal wieder ein deutsches literarisches Stück vor.
In dem Buch geht es um ein Ferienhaus einiger berliner und zugleich tierlieber Journalisten im Südwesten Marokkos, in dem sie alle Vierbeiner, die ihnen begegnen, unterbringen. Erzählt wird die Geschichte abwechselnd von den tierischen Bewohnern des Hauses: Putzi, die schönste Katze von ganz Marrakesch beobachtet eifersüchtig, wie die Sultana Juliana – die bedauerlicherweise an einer Katzenallergie leidet – einen Frischling ins Haus bringt, der sich sofort an aller Menschen Aufmerksamkeit erfreuen darf. Doch mit seinen lieben Schweinsaugen und den kindlichen Fragen, die er ständig stellt, wie „Wollen wir gegen die Tür laufen spielen?“, „Wollen wir Pipi machen?“, „Wollen wir kuscheln?“ oder „Wollen wir träumen?“ hat er auch Putzi bald in seinen Bann gezogen und Putzi spielt bereitwillig das Kindermädchen für das Schwein. Das geht eine Weile ganz gut, bis sich Putzi in ihren katzischen Gewohnheiten gestört fühlt: Sie selbst als Einzelgängerin, kommt mit der Anhänglichkeit von Haluf, dem Wildschwein, nicht zurecht, die typisch für seiner Art ist. So scheint die Geschichte in einer ständigen Flucht zu enden, die Haluf als Spiel auffasst. Das nächste ist dann, dass Haluf vom Dach fällt; was genau auf dem Dach vorgefallen ist, weiß niemand genau, aber plötzlich fliegt das Schwein durch die Luft und bleibt dann im Koma auf dem Boden liegen. Putzi sitzt nebendran und schwört sich, sich bessern zu wollen. Denn wie es einmal so im Leben ist, stellt sich eine Person als große Liebe heraus, genau dann wenn man sie für immer verloren glaubt. Und so will Putzi auf ihre Reinlichkeit, auf ihre Nachtaktivität und auf ihren Einzelgängerinstinkt verzichten und ein Schwein werden, wenn Haluf noch einmal erwacht. Der erwacht auch tatsächlich und Putzi hält ihr Versprechen – für einen ganzen Tag. Tragischerweise wird die große Liebe daraufhin von außen gestört, weil jeder den Frischling niedlich, aber den ausgewachsenen Haluf unerträglich findet. Der wird also aus dem Haus geschafft und Putzi trauert. Mittlerweile ist Putzi zwölffache Mutter mit drei wechselnden Liebhabern. Doch ihr Herz gehört immer noch einzig und allein Haluf. Diesen, von dem die meisten glauben, er habe im Wirtshaus des Viertels ein schnelles Ende gefunden, erblickt später Rambo, das Streifenhörnchen, im Wald.
Gemäß Untertitel soll es sich bei dieser Geschichte um eine Fabel handeln, doch auch wenn ich mir eine ganze Woche den Kopf darüber zerbrochen habe, tat sich mir als einziges Merkmal einer Fabel die sprechenden Tiere auf. Und die können noch nicht einmal mit den Menschen in ihrem Haus sprechen. Nur auf dem Hausmeister ruht der Verdacht, die Tiere verstehen zu können. Der Autor ist seinen Worten nach der einzige, dem sich die vierbeinigen Hausbewohner geöffnet haben und den Beweis für die Richtigkeit seiner Geschichte liefert er in einem Schwarzweißphoto, auf dem man Putzi und Haluf im selben Körbchen liegen sieht. Eine Moral indes bleibt mir verborgen und die Tiere übernehmen auch kein menschliches Handeln: Haluf pisst einfach überallhin wo er geht und steht. Das dürfte als Beweis genügen. Was bleibt ist also nur eine nette Geschichte in gutem Stil, der alle Tiere allerdings in einem leicht nymphomanischen Licht darstellt, mehr aber auch nicht. Abgerundet wird die Geschichte vor allem vom im Anhang untergebrachten „Was wurde aus…?“, wo das Ende der meisten Tiere und einige Ergebnisse von Ideen, die im Buch vorgestellt wurden, erläutert werden.

Abschließend möchte ich gerne ein Gedicht von Chingachgook, dem letzten Chamäleon, rezitieren. Hier wird tatsächlich ein wahres literarisches Genie vorgeführt, dessen meiste Werke allerdings auf Blättern geschrieben standen, die – wirklich tragischerweise – zusammengekehrt und auf die Gasse befördert wurden.

DAS WESEN DER LIEBE
Baum ist Baum
Blatt ist Bett
Liebe ist Traum
Mal da, mal weg.

 
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Verfasst von - 25. April 2007 in Bücher

 

Rowland: Das Geheimnis der Konkubine. Sano Ichiros vierter Fall

3404921070.03Vorweg: Ich werde mir wohl keinen weiteren Fall Sano Ichiros zu Gemüte führen, vielleicht auch kein weiteres Buch des BLT-Verlages, beziehungsweise des Übersetzers mehr. Dass viele Verlage keine Lektoren mehr beschäftigen ist deren Sache. Es gibt wohl keine Branche, in der nicht an Personal gespart wird. Aber ich möchte doch schon bitten, dass in der dritten Auflage zumindest die gröbsten Fehler bereits korrigiert wurden. Wer als japanischen Trinkspruch „kanpei“ schreibt oder den Angeklagten mit „Beklagter“ tituliert, hat seine Übersetzung wohl kein zweites Mal überflogen – denn dann hätte man zumindest merken können, dass öfters auch einfach Buchstaben weggelassen wurden, Fehler, die sogar die Rechtschreibprüfung von Word bemerkt.

Nun zum Buch: In „Das Geheimnis der Konkubine“ wird Sano-san, der sôsakan-sama des Shôguns Tokugawa Tsunayoshi, von seinen „Flitterwochen“ abgehalten, Grund ist ein Mord, der sich mitten im Palast des Shôguns ereignet. Es handelt sich hierbei also um einen Krimi, der im dritten Jahre, im neunten Monat der Genroku-Ära in Edo, sprich im Oktober 1690 in Tokio, spielt und somit den Krimi mit einem gehörigen Anteil an historischem Roman würzt. In fünf Tagen beziehungsweise 600 Seiten versucht also Sano den Mordfall zu lösen und gegen die Intrigen anzukämpfen, die am Hofe gegen ihn gesponnen werden und außerdem das Herz seiner ihm frisch anvermählten Frau zu erbeuten. Alle drei Aufgaben erscheinen schwieriger als erahnt und so stecken tatsächlich 600 Seiten Spannung im Buch. Man hat also stellenweise auch das Gefühl, ein Eheberatungsbuch in Händen zu halten. Dabei muss erwähnt werden, dass ich das Gefühl habe, die US-amerikanische Autorin mit chinesischen und koreanischen Vorfahren Laura Joh Rowland habe sich zwar sehr mit der japanischen Kultur uns Tradition auseinandergesetzt, konnte sich die Mentalität des Volkes im Lande der aufgehenden Sonne allerdings nicht gänzlich aneignen. Ein großes Minus erhält die Autorin von mir auch für die vielen erotischen Beschreibungen. Das erste Mal zwischen Sano und seiner Frau, die Verführung durch die Konkubine Ichiteru etc. wird einfach zu ausführlich beschrieben. Nun gut, manche Autoren brauchen solche Szenen – ich benötige sie nicht. Die Lösung des Romans hingegen ist einfach genial, auch wenn ich sie hier nicht beschreiben möchte, da ansonsten jedwede Spannung genommen wäre. Aber die Lösung ist genial. ;)

Ich wäre auch tatsächlich erpicht auf weitere Abenteuer Sanos, wenn ich mir sicher gehen könnte, dass seine sexuellen Erfahrungen im vierten Band zum ersten Mal auftauchen, dass vielleicht bei den anderen Bänden ein Lektor das Buch überflogen hat, bevor es erscheint und vor allem: Wenn der Schluss nicht so furchtbar gewesen wäre: „Natürlich wusste er, dass ein solch perfektes Glück nicht ewig währen konnte. Bald warteten neue, gefährliche Ermittlungen auf ihn, sowie der ständige Kampf um seine Position auf dem politischen Schlachtfeld des Tokugawa-Regimes und schlimme und weniger schlimme Krisen im Leben und Beruf.“ Diese beiden Sätze waren echt überflüssig – und furchtbar. Soll hier die Realität dargestellt werden oder nicht? Nun ja, es mag dieser typisch amerikanische Friede-Freude-Eierkuchen-Schluss gewesen sein und beim nächsten Band lasse ich dann einfach die letzte Seite aus.

 
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Verfasst von - 22. März 2007 in Bücher

 

Riley: Die Hexe von Paris

Die Hexe von ParisDas Buch „Die Hexe von Paris“ von Judith Merkle Riley ist ein spannender historischer Roman, der zu den Zeiten von König Ludwig XIV spielt, dem Sonnenkönig. Die körperlich leicht behinderte aber äußerst schlaue und gebildete Geneviève wächst in einer pariser Familie auf und gerät durch Zufälle inmitten der Intrigen, die die damalige Zeiten beherrschen. Die Mutter vergiftet den Ehemann und hernach die Schwiegermutter, nur um an Geld zu gelangen. Sie ist aber bei weitem nicht die einzige, der es um Geld geht. Der ganze Adel lässt sich regelmäßig von Wahrsagerinnen und Magiern beraten und halten auch öfter schwarze Messen ab, um an einen bestimmten Geliebten zu kommen oder um ihn zu behalten. Von der Familie fortgewiesen, versucht die 15-jährige Geneviève als die Wahrsagerin Marquise de Morville ihr Glück und ist sehr erfolgreich.

Das Buch ist merklich von einer Frau verfasst. Männer schneiden in dem Buch nicht besonders gut ab. Sie werden von den Damen nur als gesellschaftliche Stütze gebraucht, als Schutz und als jemand, der rechtlich Verträge unterzeichnen kann. Gleichzeitig müssen sie aber ständig mit einem Giftanschlag der ihnen anvertrauten rechnen. Mit wenigen Ausnahmen gelten die Männer allgemein als dumm, doch tragischerweise lässt sich die zunächst hässliche Geneviève unter Schmerzen schön machen und sinnt darauf, den dummen aber romantischen Kerl zu haben, der einst ihre äußerst hübsche Schwester anhimmelte.

Als ebenjener sie dann tatsächlich zu verführen gedenkt, sagt ihr Herz eindeutig ja, ihr Verstand nein. Ihr Verstand weiß, dass der selbsternannte Chevalier nur durch sie Rache üben will, ihrem Herzen ist das egal. Warum hat der Mensch ein Herz, das ihm zu Unvernünftigem rät? Ist es das Herz, das es verhindert, dass wir eine einzige kalte Maschine sind?

Auf der anderen Seite gibt es die Damen, die sich als Mätresse in die Abhängigkeit der Männer begeben und sich für sie sogar umbringen lassen. Ein hübsches Fräulein, erwartet endlich ein Kind, ihr seligster Wunsch, wird dann aber von ihrem Liebhaber dazu gedrängt es abtreiben zu lassen. Aus Liebe geht das Fräulein zu einem Mann, von dem ihr jeder abgeraten hat, weil dies auch ihr sicherer Tod ist. Sie wird sterben, wie viele andere Frauen auch…

Wenngleich ich es Männern nur bedingt empfehle, kann ich nicht umhin zu bermerken, dass das Buch einfach herrlich ist. Es ist seit langer Zeit wieder ein richtig gutes Buch. Besonders die Sprache hat mich in dem Bücherberg der Mayerschen Buchhandlung dazu verleitet genau dieses Buch von Hunderten auszuwählen.

„Wie ich an jenem Morgen zwischen den Sternbildern des Schützen und des Steinbocks geboren wurde, so stand ich auch just an der Konjunktion der Welten von Licht und Dunkel. Auserkoren zur Wanderung zwischen ebendiesen Welten von demselben Schicksal, das meinen Augen die Macht verlieh, das Orakelglas zu lesen. Und auf meiner Wanderung zwischen der Welt der Vernunft und der uralten Welt der Mysterien und des Wahns begegnete ich Prinzen, Narren und Ungeheuern, zuweilen wahrhaftig alle in ein und derselben Menschengestalt vereint. Keine aber war größer als die strahlende und gefährliche Frau, die Paris aus dem Schatten beherrschte und die Mächte der Erde verhöhnte. Sie war es, die mein Leben veränderte, im Guten wie im Bösen, es zu dem machte, was es heute ist. Während ich schreibe, steht ihr Talisman auf meinem Pult, ein kleines Katzengesicht aus Bernstein. Wenn ich vom Blatt aufblicke, höre ich den Widerhall ihres hämischen Gelächters: >So, so, du schreibst über mich, kleines Närrchen? Dann schreibe recht.< Wer war sie, die Königin der Schatten? Keine, von der Ihr je gehört habt. Nur die größte Hexe, die je ein Königreich in ihrer Hand hielt.“

 
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Verfasst von - 3. März 2007 in Bücher

 

Genie, Eros und Kursarbeiten

Letztens saß ich gelangweilt in der Bibliothek unserer Schule und ließ meinen Blick über die Lexika im vordersten Regal gleiten. Unter den vielen Brockhausbänden dann, starrte mich etwas an. Ein Buch, das mich so flehentlich ansah, dass ich nicht anders konnte, als es in die Hand zu nehmen. Die Einleitung übersprang ich und begann gleich mit der Lektüre. Die Darstellungsweise von Goethe in Lee van Dowskis Buch „Genie und Eros“ hatte bereits in den ersten Zeilen einen solch bleibenden Eindruck hinterlassen, dass ich abends im Bett lag und mir die Fortsetzung erdachte. Der nächste Tag war schulfrei und so verbrachte ich erst den Donnerstag während meiner Freistunden damit, das tolle Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen. Nach der 7. Stunde wollte ich mich immer noch nicht von dem Buch trennen und die nächste Möglichkeit, es weiterzulesen wäre die 6. Stunde am Montag gewesen – in der die Bibliothek natürlich geschlossen hat.

Mit einem kleinen Detail hatte ich aber nicht gerechnet: Man darf die Bücher in der Schulbibliothek ausleihen!! Ja, tatsächlich! Man darf es wirklich! (Ob man es glaubt oder nicht, an der alten Schule war das unmöglich.) Und so begleitet mich mein neuer Freund „Genie und Eros“ seit Donnerstag durch meine LK-Woche und ich erfahre allerhand über das Liebesleben Beethovens, Poes, Hoddlers, Byrons und Shelleys. Über das Schicksal einiger weine ich mit, über die Hartherzigkeit und die Verstocktheit anderer (nicht wahr, Byron?) bin ich empört.

Aber nun etwas anderes: Von 8 bis 12 Uhr war ich heute in der Aula eingesperrt und durfte mir Gedanken zu einem Auszug aus Sartres Film „Les jeux sont faits“ machen. Obwohl ich Sartres Grundeinstellung nicht vertrete, fasziniert mich dieser Mann doch und da ich mindestens zwei Stunden damit verbracht habe, eine Fortsetzung zu seiner Geschichte der Totenwelt niederzuschreiben, muss ich auch unbedingt das ganze Werk lesen. Ich hoffe darauf, dass die Schulbibliothek zufälligerweise auch Sartres Werke in der Originalsprache zu bieten hat. Ansonsten muss ich hier zu Hause mit der deutschen Version Vorlieb nehmen. ;)

 
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Verfasst von - 13. November 2006 in Bücher, Studium

 

Brecht: Der gute Mensch von Sezuan

Der gute Mensch von SezuanDie Misanthropie holt mich ein. Nicht nur, dass ich heute Morgen von einem Bericht über die globale Erderwärmung und deren fatale Folgen geweckt wurde, nein, ich habe auch ein Buch gelesen, das die charakteristsiche Verkommenheit der Menschen aufzeigt: „Der gute Mensch von Sezuan“ von Bertolt Brecht. Der einizge gute Mensch, den drei Götter auf der ganzen Erde gefunden haben, ist Shen-Te. Jeder andere denkt nur an sich und ist aufs Betrügen aus. Niemand möchte den drei Göttern eine Unterkunft gewähren – wahrscheinlich aus Scham. Dennoch sollte niemand wie Sehe-Te sein, da sie selbst – auf sich allein gestellt – von allen ausgenutzt wird und so nicht bestehen könnte. Selbst der Mann, in den sie sich verliebt, nutzt sie nur aus: Er will von ihr das Geld für einen erkauften Arbeitsplatz, ist sogar dafür bereit Shen Te zu heiraten, beabsichtigt aber ohne Shen Te nach Peking zu gehen. Sie müsste ohne Mann, ohne Laden, ohne Geld in Sezuan bleiben. Wer hilft einem solch guten Menschen vor der Ausbeutung? Natürlich der Vetter. Mir war gleich klar, dass es keinen Vetter gibt – das wäre mal wirklich unrealistisch und unglaubwürdig gewesen. Dass ich aber wusste, dass Shen Te in den Männerkleidern steckt, liegt hauptsächlich daran, dass ich schon vor dem Lesen einen Teil der Kommentare durchgeblättert habe.

Dekar schreibt, man könne sich sich nicht richtig mit den Personen identifizieren – klar, es handelt sich hier auch schließlich um episches Theater!

„Man kann sich auch nicht richtig mit den Figuren identifizieren, zumindest konnte ich das nicht, da weder Shen Te noch Shui Ta, da sie beide Extreme darstellen, sich dazu eigneten. Die restlichen Personen enthielten alle Eigenschaften, die alle Menschen besitzen, so wie z.B. die Undankbarkeit, in mehr oder weniger großem Maße. Aber wer identifiziert sich gerne mit einen schlechten Eigenschaften… man fühlt sich teilweise eher ermahnt als dass man wirklich mit den Personen mitfühlen könnte.“

Je mehr ich aber über Shen Te nachdenke, desto größer wird mein Mitleid mit ihr, aber auch mir selbst wird es elend ums Gemüt.
Wie sehr habe ich mich früher ausnutzen lassen? Warum habe ich jedem die Hausaufgaben gegeben, ohne es zu wollen, ohne je Dank dafür zu bekommen? Weil man gefragt hat. Und nein sagen, das konnte ich nicht. Aber wie Shui Ta handeln konnte ich erst, als ich mich örtlich von den Kollegen distanziert hatte. Denn selbst dann forderte man von mir und wie Shui Ta griff ich hart durch: Nein! Aber was bekam ich natürlich zu hören? Früher wäre ich anders gewesen. Ich würde das ja nur machen, um selbst von dieser Situation profitieren zu können, um die anderen versagen zu sehen, während ich selbst nicht versage. Unsinn. Was soll mich denn nach dem Schulwechsel noch dazu bewegen mich zu profilieren? Aber es ist ungefähr dieselbe Situation wie bei Shen Te…

Brechts Stil ist nicht wirklich übermäßig hoch anzusiedeln, aber genau darin liegt ja seine Kunst: Er drückt die Botschaft mit einfacher Sprache für alle verständlich aus.

Allein der Botschaft der Misanthropie wegen, empfehle ich das Buch weiter. Man lese das Buch und verzweifle!

 
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Verfasst von - 6. November 2006 in Bücher

 

Schmitt: Hôtel des deux mondes

Hôtel des deux mondes

In Eric-Emmanuel Schmitts Büchern geht es mehr um philosophische Fragen als um eine tatsächliche Handlung. In „Hôtel des deux mondes“ wird die Frage nach Sinn des Lebens und nach dem Tod und was nach ihm kommt behandelt. In einem Hotel zwischen zwei Welten, in einem Hotel zwischen Leben und Tod, in das die Seele aller Komapatienten kommt und die darauf warten, dass die Ärzte sie entweder wieder zum Leben erwecken oder dass sie sterben, treffen sich einige Leute mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Meinungen, die über ihr bisheriges Leben sinnieren und heiß über das, was nach dem Tod kommt, diskutieren.

Meiner Meinung nach ist das Theaterstück „Hôtel des deux mondes“ sehr interessant zu lesen, auch wenn man nicht erwarten darf, dass dort der gesamte Sinn und Unsinn des Lebens abgehandelt würde. Es werden lediglich Interpretationsansätze auch zum Koma geliefert und soll zum Nachdenken anregen, hat also keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das Werk ist in sehr leichter Sprache abgefasst, ist also auch für Nichtfranzosen gut verständlich.
Kritikpunkte, dass alle Hotelgäste französisch sprechen und zwei davon sogar im selben Krankenhaus liegen oder dass der Aufzug nur auf die Gegenwart anspielen kann und das Theaterstück somit nicht zeitlos ist, sind zwar angebracht, sollten für die eigentliche Botschaft aber nicht störend sein. Für echte Philosophen, die sich mit der Frage nach dem Jenseits schon allzu oft beschäftigt haben, könnte das Buch langweilig sein und meine Französischlehrerin empfiehlt hier ein Buch mit ähnlichem Inhalt „Huis-clos“, also „Geschlossene Gesellschaft“, von Sartre, das ich selbst, zu meinem größten Bedauern, noch nicht gelesen habe.

Bei mehr Interesse über die Meinungen der einzelnen Hotelinsassen, klicke auf:

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Verfasst von - 31. Oktober 2006 in Bücher

 

Grass: Die Blechtrommel

Die WeberSarkastisch, makaber, pervers, grausam, furchtbar, verachtenswert – aber genial. Dem kleinen perversen Protagonisten, dem Dreikäsehoch, kann ich persönlich nichts abgewinnen. Oskar tut mir manchmal Leid, besonders in seiner tatsächlichen Kindheit, wie er von den anderen Kindern des Hauses mit der Suppe gefüttert wird oder später, als sein Vater ihm dem NS-Regimant überliefern will. Seine Genügsamkeit – denn Oskar kann wohl allein von Luft und Blechtrommeln leben – erscheint mir bewundernswert. Dann kommt aber das große aber: Das Kapitel „Brausepulver“ enthüllt Oskars eigentliches, perverses Wesen – und der Leser mag sich fragen, wieso ein Autor solche obszönen Szenen und Sätze und Gedanken einbauen muss, damit sein Buch ein Erfolg wird. Zumal mit Nobelpreis wohlgemerkt!
Was für ein Leben hatte Oskar schon? Ich kann ihn verstehen, dass er aus der Pflege- und Heilanstalt nicht mehr hinausmöchte. Die Liebe blieb ihm meist doch verborgen und hat er endlich die Somnambule gefunden (bei der ich nie verstanden habe, warum sie als Schlafwandlerin bezeichnet wird?), die seine Liebe erwiedert, kommt diese tragischerweise (hier befindet sich dann doch eine kleine Schwäche in der Erzählhandlung) beim Holen eines Kaffees ums Leben. Als professioneller Trommler verdient Oskar zwar viel Geld, doch einen richtigen Beruf hat er nie erlernt. Für den Beruf des Steinmetz hat er nicht die nötige Kraft, lässt sich also die meiste Zeit als Porträt der Kunstakademie (hauptsächlich für Aktphotos) bezahlen. Was hatte Oskar schon für sein Leben?

Über den Inalt möchte ich nicht viele Worte verlieren, möchte vielmehr Grass Stil bewundern und bekriteln: Grass zeigt in seinem Buch „Die Blechtrommel“ ein echtes Talent darin allgemeine Situationen makaber, drastsich und so voller Metaphern darzustellen, dass man fast ins Staunen kommt. (Auch wenn es manche Passagen gibt, bei denen man ein kreatives Loch oder Betrunkenheit des Autors vermuten kann, in denen Wort an Wort gereiht zu sein scheint ohne jeglichen Sinnzusammenhang.)

Ich empfehle das Buch nur bedingt weiter. Wen Sprache und die mögliche Gestaltung derer interessiert, mag sich das Buch anschauen, es an- oder sogar durchlesen. Zu beachten dabei ist, dass man sich in der Zeit des Dritten Reiches auskennen muss, um die oft makaberen Metaphern Ausdrücke zu verstehen:

„Er rieb uns ein, bespritzte und puderte uns. Und während er spritzte, puderte und einrieb, blühte mein Fieber, floß seine Rede, erfuhr ich von Güterwagen voller Karbol, Chlor und Lysol, die er gespritzt hatte, gestreut und gesprenkelt hatte, als er noch Desinfektor im Lager Treblinka gewesen war und jeden Mittag um zwei die Lagerstraßen, Baracken, die Duschräume, Verbrennungsöfen, die gebündelten Kleider, die Wartenden, die noch nicht geduscht hatten, die Liegenden, die schon geduscht hatten, alles was aus den Öfen herauskam, alles was in die Öfen hineinwollte, als Desinfektor Mariusz Fajngold tagtäglich mit Lysolwasser besprenkelt hatte.“

 
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Verfasst von - 24. Oktober 2006 in Bücher

 

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